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Willkommen beim Ilona Hupe Verlag

Der Spezialist für Afrika und Oman


 Badetour in Nordostsambia
Ein Reisebericht von Manfred Vachal und Christoph Greil

Zambia im Oktober 2003. Wie die meisten unserer Reisen beginnt auch diese Tour in Lusaka.
Wir sind sieben Afrikaverrückte, ein VW-Bus Syncro und ein Toyota Landcruiser.

nordosttour

Ein Start mit Pannen und Pleiten

Unser erstes Tagesziel ist das Forest Inn an der Great North Road kurz vor Mkushi. Das schafft man in ca. 4 Stunden, wenn man nicht zu viele Roadblocks hat. Und dieses Jahr bekamen die Polizisten wohl von ganz oben eine Anordnung zur Zurückhaltung und winken uns fast überall durch. Damit entfällt eine fast schon lieb gewonnene “Touristenattraktion”. Die Diskussionen mit den Polizisten waren für uns meist ein Vergnügen: Gurt, zwei Warndreiecke, Reflektoren vorne und hinten, Licht, Blinker, Versicherung, Führerschein, Visum, wohin des Wegs und woher usw. Nach allem wurde gefragt, immer auf der Suche nach einem möglichen Verstoß. Und dann dieses Jahr. Nichts, gar nichts interessiert sie! Nur einmal werden wir nach der Versicherung gefragt. Das ist doch langweilig. Wir wollen unsere Roadblocks wieder haben! Ein oder zwei wenigstens.

Im Forest Inn Camp sehen wir ihn zum ersten Mal. Der metallic schillernde Amethystglanzstar (Plumcoloured starling, Cinnyricinclus leucogaster, 761) hätte es beinahe zum Vogel der Reise gebracht, wäre da nicht diese besondere Nachtschwalbe gewesen, aber davon erzähle ich später.

Der nächste Fahrtag auf langweiliger Teerstraße macht den schwerbeladenen Fahrzeugen ganz schön zu schaffen. Immerhin erreichen wir fast 1600 Höhenmeter. Einzige Abwechslung am Vormittag ist ein Chamäleon beim Überqueren der Straße. Unsere übliche Reaktion: Anhalten, fotografieren, von der Straße tragen.
Je mehr wir uns den Bangweulu Sümpfen nähern, desto dünner wird der Busch, bis schließlich nur noch diese endlose Ebene vor uns liegt. Gras, unterbrochen durch einzelne Inseln mit ein paar Büschen oder Palmen drauf und stellenweise unzählige kleine Termitenhügelchen.

Mittags zeigt sich, dass ich mich fahrerisch noch nicht so recht an Afrika angepasst habe. Wir verlassen die Teerstraße, um einen ruhigen, schattigen Platz für die Mittagspause zu finden. Und dabei passiert es. Beim Wenden auf einem Fahrdamm im Bereich der Bangweulusümpfe setze ich rückwärts runter vom Damm und unterschätze die Bodenbeschaffenheit. Ich gerate in ein Sandloch, der Wagen hängt steil am Damm mit der Schnauze nach oben. Eigentlich kein Problem, denke ich, aber der Wagen stirbt ab und ist nicht mehr zu starten. Wir stecken mit dem Auspuffende im Sand. Und wenn die Abgase nicht raus können, läuft ein Motor einfach nicht. Also Spaten raus, Auspuff freilegen, ein paar Mann/Frau zum Schieben und weiter geht‘s. Aber peinlich ist es mir doch.

Nach dem Mittagessen das erste Highlight. Die Brücke über den Luapula ist nicht nur wegen ihrer Ausmaße interessant. Am Beginn und Ende der Brücke haben sich Märkte etabliert und man bekommt ein wenig Einblick in das einfache Leben der Ushi. Und dann der Blick von der Brücke in die weite Ebenen mit dem verschlungenen Luapula....

Wir sind zeitlich gut unterwegs und wollen deshalb versuchen, über einen kleinen Umweg zum Lake Kambolombo zu fahren. Erst übersehen wir die Miniabzweigung. Beim Nachfragen sind sich die Einheimischen nicht einig, ob wir die Strecke überhaupt fahren können. Es ist das immer gleiche Spiel: “Wohin führt dieser Weg?” oder “Wo ist der Weg nach ...?” Wie jeder Afrika-Fahrer weiß, sind Fragen zu vermeiden, die mit einem “yes” beantwortet werden können.
Dann die Frage: “Wie gut ist der Weg?” und “Können wir dort fahren?”. Wenn nach Ansicht der Einheimischen weder VW-Bus noch Tojota dort fahren können, dann sollte man sich ruhig einen anderen Weg suchen.
Wie bei der Tourvorbereitung schon erkannt, liegt der kritische Bereich gleich am Anfang der Piste bei der Überquerung der Musaba Marsh. Der Fahrdamm ist fast zugewachsen, offensichtlich ist hier schon länger kein Auto mehr gefahren. Und das ist immer ein schlechtes Zeichen. Vom letzten Dorf haben sich einige Erwachsene auf den Weg gemacht, um zu sehen, wie die “Musungus” die Gefahrenstelle, ein halbzerfallenes Betonrohr, meistern. Wir schauen uns die kritische Stelle erst mal an und drehen nach sorgfältiger Vermessung der Engstelle um. Viel fehlt nicht, nur etwa 10 cm. Aber wir riskieren es nicht. Hier abzurutschen, würde viel Arbeit und Zeit kosten. Und übernachten wollen wir hier auch nicht. Eine Umfahrung ist nicht möglich, es ist tatsächlich noch Wasser im Sumpf (zum Ende der Trockenzeit). Vielleicht ein anderes Mal. Immerhin liegen neue Betonrohre in der Landschaft. Vielleicht findet sich ja irgend jemand, der sie einbaut, bevor Wind und Sonne sie zerbröckeln.

In Samfya beziehen wir unser Luxusquartier am See. Die Wasserpumpe funktioniert nicht, deshalb gibt es heute keine Dusche. Für die Toilettenspülung existiert immerhin eine Wassertonne zur Selbstbedienung. Eine angrenzende Hütte zu einem ähnlichen Zweck mit der Aufschrift “Come again” verdient diese ganz bestimmt NICHT. Die Bar nebenan versorgt uns bis zum Einbruch der Dunkelheit mit Musik. Lästig sind die Millionen kleiner durchsichtiger Seefliegen, die der Abendwind zu uns bläst. Aber die stechen zumindest nicht.

Samfya, Zambia / SambiaAm frühen Morgen finden wir uns alle am Ufer ein, verspricht doch die Lage am Westufer einen tollen Sonnenaufgang über dem See. Einige Frauen marschieren graziös vorbei und wundern sich über die kamerabehangenen Touristen. In Samfya drehen wir nur eine Ehrenrunde im “Stadtzentrum”, ehe wir weiterfahren nach Mansa. Der geplant kurze Einkauf im Shoprite dauert dann doch recht lange, obwohl wir bei der Brotausgabe bevorzugt behandelt werden. Aber einen zweiten Kasten Bier aufzutreiben erfordert mindestens 15 Minuten. An der Tankstelle füllen wir danach die Fahrzeuge randvoll, denn ab jetzt wird es mit der Spritversorgung sehr dünn.

Mittags erreichen wir die Ntumbachushi Falls. Ein kleiner Wasserfall als Einleitung für größere. Mittagsrast mit tropischem Ambiente, Baden und Schwimmen in tiefen Pools, Foto-Session und Klettern über Felsen und Bäume.

Mit Verspätung erreichen wir am Nachmittag die Zufahrt zum Lusenga Plain Nationalpark. Theoretisch schaffen wir es noch vor Sonnenuntergang bis in den Park. Theoretisch. Der Weg ist zwar halbwegs befahrbar, aber er verläuft nicht so wie wir ihn bei unserem letzten Besuch vor ein paar Jahren in unsere Karte eingezeichnet haben. Die Beseitigung eines quer über dem Weg liegenden, vor sich hin brennenden Baumes braucht auch seine Zeit und dann fehlt plötzlich der Toyota. Nach längerer Wartezeit drehen wir um, um unser Zweitfahrzeug zu suchen. Und da sehen wir ihn zum ersten Mal: Ruderflügel heißt dieser merkwürdige Vogel (Pennantwinged Nightjar, Macroditeryx vexillaria, 410), der uns auf diesem Trip noch einige Male begegnen wird. Es ist eine Nachtschwalbe: dämmerungsaktiv, das Männchen trägt im Brutkleid eine “bemerkenswert verlängerte neunte Handschwinge”, also Federn, die bis zur doppelten Länge des ganzen Vogels anwachsen und dem Insektenfresser auch den passenden Namen Fahnennachtschwalbe eingebracht haben. Er segelt und kreist gespenstisch durch den Nachthimmel; seine schwingenden Bewegungen erinnern an Cheerleader-Auftritte. 

Der Toyota taucht auf, ein Plattfuß hat die Verzögerung verursacht. Wir beschließen, trotz der Dunkelheit noch tiefer in den Wald zu fahren, aber irgendwann geht es einfach nicht mehr weiter. Er endet an einer Wendestelle und so haben wir wenigstens genug Platz, um mitten im Wald unser Nachtlager aufzuschlagen. Das ist definitiv nicht der Weg in den Nationalpark, sondern nur ein Holzweg. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da versteht man das bekannte Sprichwort plötzlich.

Bei der Rückfahrt am Morgen erkennen wir auch die vermutlich richtige Zufahrt. Im Scheinwerferlicht des Vorabends haben wir sie als einen Radweg abgetan. Wir befahren diesen abwärts führenden “Fahrradweg” ca. einen Kilometer und geben dann auf. Stark ausgewaschen und gleichzeitig zugewachsen wollen wir den Autos dies nicht zumuten, immerhin hat der Toyota keinen Reservereifen mehr (sonst ist immer ein Ersatzschlauch dabei – nur diesmal nicht!).

 


Kalungwishi-HighlightsAutopanne in Zambia / Sambia

Offensichtlich wird auch heute nicht unser glücklichster Tag. Bei der Rückfahrt nach Kawambwa schlägt die vordere Federung des VW-Bus schon bei kleinen Schlaglöchern durch. Ein kurzer Check bringt nichts Erfreuliches zu Tage. Vermutlich ist die Kolbenstange des Stoßdämpfers abgebrochen. Ausgerechnet der Stoßdämpfer, den ich extra vor Reiseantritt ausgewechselt habe. Zusammen mit Ilona entwerfe ich schon mal Notfallpläne. Zurück nach Lusaka? Ersatzstoßdämpfer kommen lassen nach Mansa oder Kasama? Stehen wir die Piste nach Kasama durch oder fahren wir doch besser die Teerstraße nach Mansa? Aber was macht der Rest der Gruppe, während wir auf den Ersatz warten? In Kawambwa, an der ehemaligen Tankstelle, nehmen wir den Schaden näher unter die Lupe und können Entwarnung geben: Wir haben nur die Befestigungsmutter verloren. “Nur” ist relativ, denn es handelt sich um eine Feingewindeschraube! Da ist es manchmal doch von Vorteil, alte Teile aufzubewahren. In meinem gemischten Sortiment finden wir eine passende Mutter und nach ca. 2 Stunden ist das Problem behoben. Hier konnte unser bastelfreudiges Trio - Marc, Christoph und Manfred - zum ersten Mal so richtig in Aktion treten. Für den Toyota fand sich in der Zwischenzeit auch noch ein gebrauchter Schlauch. 

Lumangwe FallsDer romantische Ponton über den Kalungwishi ist mittlerweile durch eine Brücke ersetzt worden. Die badenden Kinder und Jugendlichen im Fluss jubeln vergnügt, als wir unsere Kameras zücken. Am liebsten würde ich auch zur Abkühlung in den Fluss springen. Aber wir haben nicht mehr weit bis zur größten Sehenswürdigkeit dieser Region. Sie gelten als “kleine Schwester der Viktoriafälle”, diese unberührten, von Urwald umrahmten Lumangwe Falls. Auf 120 m Breite stürzt sich der Kalungwishi eine 30 m tiefe Felswand senkrecht hinab. Ein toller Anblick und wirklich ähnlich den Viktoriafällen. Nur kleiner und ohne angelegte Wege, Souvenirstände, Touristen, Hotels, Rundflüge, Rafting etc., aber mit Eintritt. An den Lumangwe Falls ist der Platz für Camper sehr begrenzt. Und genau diesen wenigen Platz belegen ein Prediger und seine Gläubigen. Etwa 20 Leute in Fahrzeugen von World Vision und WFP. Begleitet von einer Miniorgel preisen sie die Wasserfälle und lassen eine eindringliche Predigt über sich ergehen. Wir zwängen uns also dazu und amüsieren uns über die Versprechungen des Caretakers, die Pilger würden in 15 Minuten abfahren. Wir versuchen sie durch den sündigen Anblick von Frauen in Badeanzug zu verwirren. Sie singen noch kräftiger und fahren schließlich nach zwei Stunden ab. Nun stehen wir allein an der Fallkante, das Wasser rauscht, die Sonne verschwindet blutrot und kitschig hinter den hohen Bäumen und auf dem Lagerfeuer brutzelt das Abendessen. Später bringt das Mondlicht die Wasserfläche zum Glitzern.Lumangwe Falls

Lumangwe Falls

Der nächste Morgen beginnt noch vor dem Frühstück mit einem frischen Bad und dann dem Ausflug zu den nur 7 km entfernten Kabweluma Falls. Man nähert sich dem Wasserfall die letzten 600 m zu Fuß über einen kleinen Schlängelpfad. Über umgestürzte Bäume, Felsen und durch einen trockenen Nebenzufluss wandern wir dem noch im Dschungel verborgenen Wasserfall entgegen. Nach einem letzten steilen, rutschigen Abstieg öffnet sich die dichte Vegetation und gibt den Blick frei auf die tosenden Kabweluma Falls. Hufeisenförmig stürzen die Wassermassen von mehreren Felsstufen hinab, die durch tropisch bewachsene Inseln voneinander getrennt sind. Wir sind hier völlig alleine und genießen das imposante Naturschauspiel. Der Sprühnebel verursacht eine angenehm feuchte Kühle. Während die anderen auf den Felsen vor den Fällen die Szenerie still genießen, gehe ich auf Entdeckertour. Über ein steiniges Bachbett erreiche ich die linke Fallkante. Dort oben fließt das Wasser ruhig und flach, in kleinen Pools kann man herrlich Baden.

Zurück auf dem Campingplatz an den Lumangwe Falls gönnen wir uns ein kleines Mittagessen und ein letztes Bad im Fluss. Wer will, kann etwas flussaufwärts sogar richtig schwimmen, ehe wir aufbrechen zu unserem nächsten Wasserfall. Mehr spaßeshalber frage ich an der Abzweigung Richtung Norden ein paar Erwachsene, ob es denn in Kaputa Sprit gäbe. Sie sind sich sehr sicher, denn “In Kaputa you can get everything”. Also auf zum Shopping nach Kaputa! Aber Vorsicht: allzu leichtfertig und optimistisch gestellte Fragen werden gerne mit einem überzeugten “yes, yes!” beantwortet.

Kundabwika Falls
Zuvor besuchen wir aber die dritten Wasserfälle des Kalungwishi. Die Kundabwika Falls sind ziemlich abgelegen, stehen im Schatten der beiden grandiosen Schwesterfälle, und werden daher nur selten besucht. Wir sind also auch hier wieder ganz alleine, können im Fluss baden und die stille Nacht genießen. Zum eigentlichen, etwa 800 m flussabwärts gelegenen Wasserfall wandern wir am nächsten Morgen. Es existiert kein Pfad dorthin, also geht es querfeldein durch Gestrüpp und Gestein. Nach der Rückkehr haben fast alle botanische Schätze gesammelt: bizarre Samenkapseln, getrocknete Blüten, Dornen und Moose.

Schnapsbrennerei in ZambiaDann heißt es Abschied nehmen vom Kalungwishi und “on the Road again”, was in diesem Fall eine beschwerliche, langsame Piste bedeutet. Irgendwo am Straßenrand in einem kleinen Dorf noch vor Nkosha entdecke ich eine Schnapsbrennerei. Die Dorfbewohner sprechen zwar von Bier, aber es ist eine Schnapsdestille. Sie besteht aus zwei Tongefäße und einem Kupferrohr: Unter dem ersten Gefäß, dem mit dem Gebräu, brennt ein Feuer. Das Kupferrohr mit dem wertvollen Dampf führt durch das zweite Gefäß mit dem Kühlwasser hindurch und am Ende tropf der klare “Spirit” in eine Plastikflasche.
Dass die Menschen dort scheu sind, kann man wirklich nicht behaupten. Sowohl die Kinder als auch einige der Erwachsenen umringen uns hautnah und wollen jedem die Hand schütteln. Nur die Schnapsbrennerin verrichtet unbeirrt ihre Arbeit. Sie zu fotografieren ist nicht so einfach. Die vielen Kinder finden Fotografieren lustig . Sobald man die Kamera zückt, werfen sie sich in Positur und versperreHütte in Zambian den Ausblick auf das eigentlich anvisierte Objekt. Jedes Blitzlicht wird mit freudigen Geschrei quittiert und die Kinder übertreffen sich gegenseitig mit Grimassen und Posen. Um auch die Hütten und die Schnapsbrennerei zu fotografieren, muss man mindestens zu dritt im Team arbeiten. Zwei nehmen zur Ablenkung die Kinder aufs Korn, während der dritte, wenn er schnell ist, auch mal ein Bild ohne Kinder zustande bringt. Wir sind anständige Touristen und kaufen eine Flasche Schnaps für die umstehenden Männer (das löst Begeisterung aus). Ulli braucht auch eine als Mitbringsel für zuhause. Noch etwas ist auffallend, nicht nur in dieser Gegend: die liebevoll verzierten und bemalten Häuser. Es sind die immer wieder gleichen Pastellfarben, aus Erde und Pflanzen gewonnen, die zu immer neuen Mustern verwendet werden. Bänder, Streifen, Wellenlinien, Rauten, Punkte und Figuren. Immer ähnlich und doch immer wieder neu und anders. Manchmal ist nur der Sockel des Hauses bemalt, dann wieder die ganze Wand und die Terrasse gleich mit dazu. Ab und an ziert ein kleiner Blumengarten davor das Haus.

 


TrommelAuf nach Kaputa
Die Piste durch den Mweru Wantipa Nationalpark nervt uns. Ruppig, steinig, einsam und eintönig. “Stones make the Road strong” erklärt man uns, doch wir hätten es gerne etwas sanfter. Es gibt keine Nationalparkschilder und -schranken mehr. Außer ein paar Warzenschweinen entdecken wir keine Tiere im dichten Compretum-Busch. Sogar die Vogelwelt ist in diesen dichter besiedelten Gebieten stark ausgedünnt. Es landet alles als Beilage (relish) im Kochtopf.
Nur einmal kommt uns ein Fahrradfahrer - natürlich schiebend - entgegen. Der Mann ist ungewöhnlich bepackt, so dass wir sofort anhalten. Auf seinem Fahrrad türmen sich zusätzlich zum sonstigen Gepäck auch drei besondere Trommeln: Sie sind mit Schlangenhaut bezogen. Normalerweise verwendet man zum Bespannen von Trommeln Ziegenfelle. Trommeln mit Pythonhaut hab’ ich noch nie gesehen. Der Besitzer antwortet freundlich und ausführlich auf all’ unsere Fragen, allerdings in Chibemba. Wir verstehen null. Irgendjemand stuft ihn als Medizinmann ein und Ulli ist sich sicher, dass er beim Weiterfahren den Toyota gesegnet hat. Kann ja nicht schaden. Rechtzeitig vor Kaputa finden wir eine Lichtung zum Übernachten. Davor war es kaum möglich, die Piste zu verlassen, zu viel Dorngestrüpp links und rechts des Weges. Kurz vor dem Dunkelwerden taucht er wieder auf: der Ruderflügelvogel. Lange bietet er uns sein nächtliches Schauspiel. Nachts klappert ein kleiner LKW vorbei, frühmorgens ein vollbepackter Landcruiser und natürlich auch zwei Fahrradfahrer. Vermutlich Handlungsreisende.


Salzgewinnung NordostsambiaEinige Kilometer vor Kaputa bemerken wir einige Hütten mit merkwürdigen trichterförmigen, tropfenden, mit Erde gefüllten Gestellen. Wir halten an und sind erstmal ratlos. So nach und nach kommen wir der Sache aber auf die Spur. Es handelt sich um eineSalzgewinnung. Aus Zweigen und Gras wird auf einem Holzgestell ein Trichter mit etwa einem Meter Durchmesser errichtet. Die Erde hier am Rande eines ausgetrockneten Sees ist salzhaltig. Man packt also die Erde auf den Trichter, wäscht das Salz heraus und fängt das abtropfende Wasser in Holztrögen auf. Diese Sole wird dann in großen, aus Blechfässern geschnittenen, tiefen Pfannen gekocht, bis alles Wasser verdunstet ist. Das zurückbleibende Salz wird in Säcke abgefüllt und nach Kaputa zum Verkauf transportiert.

Kaputa macht seinen Namen alle Ehre, aber wir mögen den Ort. Gabriele spekuliert, im nächsten Jahr wohl 2 Wochen All-Inclusive-Urlaub in Kaputa zu buchen. Auf dem Markt finden wir immerhin Zucker, Tomaten und Zwiebeln, irgendeine Kneipe verkauft Castle Bier, Benzin gibt’s aus dem Kanister. Und sogar “Charlets” werden vermietet. Wir fallen mächtig auf, ein bislang mit Billardspielen beschäftigter Mann spricht uns ernst an, er sei um unsere Sicherheit besorgt, was wir hier wohl wollten? Vielleicht Geheimdienst oder nur ein Wichtigtuer. Egal, wir fahren sowieso weiter auf einer Löcherpiste über die Flutebenen, bis wir zu einem Militär Checkpoint gelangen. Dort trägt man uns in ein Buch ein (Ordnung muss sein) und auf Nachfrage erklärt man uns, dass die umliegenden Dörfer nachts von kongolesischen “Maji-Maji-People” überfallen werden und sie deshalb für ihre Sicherheit sorgen. Die Soldaten sind freundlich und freuen sich über jede Abwechslung.

Einige Kilometer weiter liegt der nächste Checkpoint, und diesmal wollen sie unsere Pässe kontrollieren. “I want to go thru your documents”. Daraufhin fragt Ilona, ob wir aussähen wie Maji-Maji-Leute. Sie verneinen lachend und vergessen darüber auch die Pässe.

Weiter geht es in Richtung Osten, hin zum Tanganjikasee. Der letzte Kilometer zur Ndole Bay Lodge lässt nicht viel Gutes erwarten von der Lodge. Große, scharfkantige Steine malträtieren unsere Reifen (very strong road!). Die Anlage macht einen verlassenen Eindruck. Meine Frage an den Verwalter, ob denn geöffnet sei, wird beantwortet mit dem verwirrenden Satz “I‘m not sure but it seems to be closed”. Der Eigentümer ist nicht da und die Angestellten wissen nicht so recht, wie es weitergeht. Camping ist dann natürlich doch möglich. Schnell kehren die Angestellten eine Hütte sauber, deren Toilette uns zur Verfügung stehen wird. Wir haben die ganze Anlage für uns alleine und können unsere Tische und Stühle vor der Strandbar mit Blick auf den See aufstellen. Dann vertriebt sich jeder die Zeit nach Lust und Laune. Baden, Schnorcheln, Wäsche Waschen, Fotografieren, Tagebuch schreiben... Dann ein kühles Bier, ein feines Essen, ein schöner Sonnenuntergang - was will man mehr?

Hier könnte man es leicht zwei Tage aushalten, aber wir wollen ja in den Sumbu Nationalpark, also auf ins gleichnamige Dorf. Am Ortseingang, genau an der kleinen Piste in den Park, ist ein Checkpoint. Wir halten den bewaffneten Mann für einen Wildhüter der Nationalparkbehörde und stellen Fragen nach dem Park. Wundern uns, dass er so ganz und gar nichts weiß, ehe wir merken, dass dies ein Militärcheckpoint ist. Das Office der ZAWA (Wildlife Behörde) ist in Sichtweite, aber verschlossen. Einer der Soldaten macht sich auf die Suche nach einem der Angestellten. Eine Frau, die für ZAWA arbeitet, erscheint schließlich, weiß aber auch nicht, ob man in den Park fahren kann. Sie verschwindet wieder um den örtlichen Chef der Behörde zu suchen. Und dieser versichert uns später, dass es derzeit nicht möglich ist, mit dem Auto in den Park zu fahren. Nur per Boot ist der Zugang zu den Lodges im Park noch möglich. Ob wir es selbst probieren können, fragen wir. “You are allowed to pay” lautet die lakonische Antwort.

Der Tag ist schon weit fortgeschritten und es warten noch viele schlechte Pistenkilometer auf uns. Bei Bulaya am Lake Mweru Wantipa wollen wir wissen wohin eine nach rechts laufende Piste führt. “Zum Ponton” ist die Antwort. Wir sind etwas irritiert, da auch auf der gegenüberliegenden Seite des Sees die Leute eine Abzweigung als Piste zum Ponton beschrieben hatten. Wir bohren also nach, ob der Ponton auch noch im Einsatz ist. “No, it passed away 10 years ago” ist die erheiternde Antwort. Fragen stellen in Sambia will gelernt sein. Die für uns ungewöhnliche und unerschütterliche Logik der Einheimischen führt manchmal zur Konfusion.

ZambierinImmer wieder wundern wir uns über Schlagbäume. Obwohl hier im Norden so gut wie keine Fahrzeuge unterwegs sind, gibt es manch unerklärliche Checkpoints. Meist handelt es sind um Fish-Levy Checkpoints. Da wird eine Art Quellensteuer für Fische erhoben, oft mehr als 100 km entfernt vom nächsten See oder Fluss. Am späten Nachmittag versperrt uns mal wieder ein Schlagbaum den Weg. Mit Kette und Schloss abgeriegelt. Und Sonntag ist auch noch. Keiner der Umstehenden macht Anstalten, das Schloss zu öffnen. Da wir kein festes Tagesziel haben, sind wir auch nicht sonderlich in Eile. Es dauert relativ lange, bis ein Junge den Schlüsselgewaltigen aufgetrieben hat. Kommt er von der Kirche oder von der Bar, ist die Frage.

Und heute wieder das Problem mit dem Platz für die Übernachtung: Wo kann man in einem dicht besiedelten Gebiet “wild” übernachten? Zwei Fahrzeuge, drei Zelte, dazu die Tische und die Feuerstelle. Dafür braucht man Platz. Lateritplätze sind dafür gut geeignet. Dort wurde Material für den Straßenbau herausgeholt, zurück bleiben ebene unbewachsene Flächen. Und da ist er schon wieder, der Ruderflügelvogel. Gleich mehrere Nachtschwalben sind unterwegs und wir können auf der offenen Fläche mit den Taschenlampen ihre Flugkünste verfolgen.

Die Straße zwischen Nsama und Mporokoso ist eine relativ gute, sehr einsame Schotterpiste. Kleine Dörfer, gelegentlich ein Radfahrer, viel Wald. In Mporokoso wähnen wir uns schon zurück in der Zivilisation. Die Tankstelle ist jedoch seit ewigen Zeiten außer Betrieb. Kein Problem in Sambia. Der Sprit aus dem Kanister am Straßenrand ist schon Routine für uns, die Qualität ist wider Erwarten immer gut gewesen. Der Markt von Mporokoso ist einen Besuch wert, wir kaufen Tomaten und Avocados für das Abendessen. Nur wenige Kilometer kann man die Piste nach Kasama als sehr gut bezeichnen, dann reduzieren wir freiwillig unsere Geschwindigkeit. Eile sollte man in Sambia nicht haben. Mechanikerqualitäten sind dafür von großem Vorteil. Diesmal ist es ein angebrochener Schaltknüppel, der das Schalten beim VW-Bus unmöglich macht. Wir schieben eine Hülse über die Bruchstelle und befestigen sie mit Schlauchschellen. Es hält 10 km, dann ist der Schaltknüppel ganz ab. Wir müssen also an Ort und Stelle reparieren. Direkt auf der Brücke über dem Kafubu Fluss! Klares Wasser, sandiger Boden – wunderbar zum Baden für alle Mitfahrenden, die nicht an der Reparatur beteiligt sind. Christoph, Marc und ich machen uns an die Arbeit. Eine Schraube wird zurecht gefeilt, in den Schaltknüppel geschraubt und zuletzt mit einem Splint gesichert. Fertig ist die perfektionierte afrikanische Lösung. Hält mindestens 10000 km. Zum Schluss gönnen sich auch die drei Monteure noch ein Bad im Fluss.

Natürlich sind wir die Sehenswürdigkeit für alle Dorfbewohner. Das Wäschewaschen und Baden ist vergessen und die Abwechslung anwesender Musungus wird gerne ausgekostet. Zaghaft aber stetig kommen die Kinder näher, bis sie am Ende nur noch wenige Meter vom Fahrzeug entfernt sind. So etwas gibt es schließlich nicht jeden Tag zu sehen.

Am liebsten würden wir gleich hier übernachten, aber wir finden keine Zufahrt auf das grasbewachsene Dambo und können schlecht auf der kleinen Brücke campieren.

Wir erreichen die Chisimba Falls noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang. Seit fünf Tagen haben wir keine Weißen mehr gesehen und richtig einkaufen konnten wir zuletzt in Mansa. Zum ersten Mal steht fürs Abendessen auch Büchsengulasch zur Disposition, die Mehrheit entscheidet sich aber für Serbisches Reisfleisch mit Speck und den letzten Gemüsevorräten.

Frühmorgens erwandern wir die Wasserfälle. In der kühleren Jahreszeit wäre sicherlich auch ein Marsch in die Schlucht am Fuße der Fälle spannend. Aber jetzt ist es dazu zu heiß. Zudem wollen wir heute noch Mpulungu erreichen. Erst einmal ist Großeinkauf in Kasama angesagt. Es gibt kaum Fleisch im Shoprite, der nächste Transport kommt “morgen”, das kennen wir mittlerweile. Für das “morgen” oder “bald” gibt es fein abgestufte Bezeichnungen. “Any time from now” bedeutet ein “baldiges” Eintreffen. Bei einem “maybe tomorrow” kann man sich beruhigt nach einer anderen Lösung umsehen; es kann noch beliebig lange dauern.
Problematisch ist mal wieder die Rückgabe von Leergut. Man kann nicht leere Flaschen zurückgeben, ohne das gleiche Produkt wieder neu zu kaufen. Also kaufen wir auch Coca Cola, obwohl wir gar keines wollen.

 

Wir finden die Kongo-Quelle

Die Teerstraße nach Mbala hat außer Schlaglöchern nicht viel zu bieten. Frühnachmittags erreichen wir Mpulungu. Die Nkupi Lodge finden wir auf Anhieb – haben wir gedacht. Es wird eine kleine Ortsrundfahrt, ehe wir endlich den Campingplatz erreichen. Warum sollte man auch ein Schild aufstellen, es kennt doch sowieso jeder die Lodge und man kann ja auch fragen... So richtig wohl fühlen wir uns nicht. Anscheinend haben wir uns an die stillen, einsamen Buschübernachtungen der letzten Woche gewöhnt. Daran, in Flüssen zu baden und mit dem Spaten auf Toilette zu gehen anstelle der tröpfelnden, engen Dusche und dem Klo ohne Spülung. Jetzt dagegen ein Kalambo Fallseingeschränkter Platz, Mauer und Zaun, Bar, Touristen und ein Hahn, der schon um 3 Uhr früh kräht - das wollen wir eigentlich gar nicht.

Auch der Marktbesuch kommt nicht so gut an (schmuddelig und schlechtes Angebot) und so ist jeder froh, am nächsten Tag wieder unterwegs zu sein. Nach dem Besuch des interessanten Mbala Museums noch ein schnelles Picknick am Lake Chila und flott weiter zu den Kalambo Falls.

Zeichnen sich die bisherigen Wasserfälle durch die Vielfalt an Formen aus, so ist es bei den Kalambo Falls die Höhe von über 200 m. Mutig legt man sich auf den Bauch und blickt über den Rand in die beeindruckende Tiefe. Der Fluss stürzt in einem einzigen hohen Fall in die tiefe Schlucht und windet sich dann dem Tanganjika-See entgegen. Aus der Entfernung betrachtet ist er ein schmales Band, das aus dem trockenen Buschland kommt und den Beginn der Schlucht bildet. Oben, kurz vor der Fallkante, gibt es einen Pool in dem wir natürlich auch wieder ausgiebig baden können.Kalambo Falls

Wir sind in dieser Nacht noch lange auf. Haben ausgiebig gegrillt und viel Rotwein geleert. Über dem See ziehen Gewitterwolken auf, heftiger Wind schüttelt unsere Zelte durch, Regen fällt aber keiner. Auf der Rückfahrt nach Mbala stehen wir unvermittelt vor einem umgestürzten, quer über die Piste liegenden, noch kokelnden Baum. Der war gestern noch nicht da. Wir sind also diesmal die ersten, die eine neue Umfahrung anlegen. Dass die Baume beim Fällen IMMER auf die Straße fallen, das kann doch kein Zufall sein... Bei anderer Gelegenheit werden wir zu diesem Thema noch mehr Anschauungs-Unterricht bekommen.

Sambesiquelle, Zambezi SourseVon nun an geht es nach Süden zurück. Als einen der Höhepunkte unserer Reise haben wir uns in den Kopf gesetzt, die “Quelle des Chambeshi” zu finden, gilt sie als längster Kongozufluss doch als die eigentliche Quelle des Kongo. Zuhause habe ich aus meinen verfügbaren Karten die Position, ab der wir zu Fuß weiter müssen, halbwegs ermittelt. Vor Ort hoffen wir, mit Hilfe der Einheimischen die Quelle zu finden. Nur leider ist da kein Dorf. Seit mehreren Kilometern keine Seele weit und breit. Kurz vor unserer angepeilten Position kreuzt ein Trampelpfad unsere Piste. Nachdem seit 6 Kilometern kein Pfad mehr abging, scheint uns dieser Weg verheißungsvoll. Als wir den Miombowald wenig später verlassen und auf brachliegende Felder stoßen, fällt unser Blick sofort auf eine tropisch grüne Waldinsel. Hier muss es sein. Wir folgen einem Trampelpfad und gelangen zu einer ungewöhnlichen Grashütte, vor der ein Feuer qualmt. Doch wo sind die Bewohner? Ein Pfad führt zu dem kleinen grünen Baumstreifen. Voller Spannung laufen wir hinunter. Da ist tatsächlich ein Bach, aber noch nicht die eigentliche Quelle. Wir kämpfen uns durch dichtes Gestrüpp bachaufwärts. Wann immer ich mich am Ziel glaube, fließt auch weiter oben noch Wasser. Der Wald wird undurchdringlich und ich kämpfe mich wieder ins Freie. Und stehe plötzlich vor dem Bewohner der Grashütte. Er versteht leider kein Englisch. Den Chambeshi kennt er, eine Quelle kann man leicht in Zeichensprache beschreiben und schon läuft der Waldbewohner zielstrebig voraus durch kratziges, verbranntes Gras. Wenig später stehen wir an der Quelle, wie sie die BBC-Dokumentation über den Kongo beschreibt, nur der im Film gezeigte Frosch fehlt. Wir sind seltsam berührt, andächtig und stolz zugleich. Hier haben wir etwas ganz Besonderes gefunden. Eine Filmdose reinen Quellwassers wird unser wertvollstes (sentimentales) Andenken dieser Reise.
Das Gelände ist ein flacher Höhenzug mit trockenen Hängen, unterbrochen durch schmale grüne Zungen von dichtem Wald entlang kleiner Täler, in denen Wasser zu Tage tritt und kleine Bäche formt.

Es ist schon später Nachmittag, als wir wieder den Shoprite in Kasama erreichen. Der Fleischer freut sich, uns jetzt das Fleisch anbieten zu können, das wir vor drei Tagen schon wollten. Bei den Getränken wissen wir nun, wie wir Konfusionen mit dem Leergut vermeiden. Warum beim Brot immer eine lange Schlange ansteht, werde ich wohl nie begreifen, und wie immer ist es mir peinlich, bevorzugt behandelt zu werden. Es ist bereits später Nachmittag, als wir die Stadt nach Osten in Richtung Isoka verlassen. Wir wollen noch möglichst weit weg von der großen Stadt Kasama. Auch nach 35 km ist die Landschaft nicht so, wie wir es gerne hätten, zudem brennt der Busch – ringsum zündeln die Bauern großflächig. Einen vernünftigen Lateritplatz finden wir auch nicht und es wird allmählich dunkel. Endlich führt ein schmaler Weg von der breiten Piste ab, führt aber prompt mitten in ein Dorf. Dahinter liegt holpriger Acker. 400 m weiter finden wir einen halbwegs flachen Ackerboden, die nächste Hütte ist nur 50 m entfernt. Bei meinem Antrittsbesuch ist niemand mehr zu sehen, obwohl vorher Menschen vor der Hütte standen. Rufen hilft auch nichts, erst als ich wieder zurück gehe, kommen zwei Frauen von einer weiter entfernten Hütte und ich kann ihnen erklären, dass wir hier nur übernachten möchten. Sie sind sehr zurückhaltend, haben aber keine Einwände.

Die anderen sind bereits beim Zeltaufbau, das Lagerfeuer ist auch gleich entfacht. Wie selbstverständlich schleppt ein junger Mann schweigend Feuerholz heran, verschwindet wieder, kommt kurz darauf mit einem Stuhl zurück und nimmt am Lagerfeuer Platz. Etwas ungewöhnlich, kennen wir die Sambianer doch als sehr zurückhaltende Menschen. Aber schließlich hocken wir auf seinem Acker. Er bekommt eine Büchse Bier und von Ute etwas zum Rauchen, dabei beobachtet er weiter schweigend und interessiert, wie wir Spaghetti Bolognese kochen. Als es ans Essen geht, rückt er mit seinem Stuhl zum Tisch. Beim Essen wären wir lieber allein. Also drücken wir ihm einen großen Teller Spaghetti mit Soße in die Hand und schicken ihn zu seiner Frau, die etwas abseits zusammen mit den beiden kleinen Kindern am Boden sitzt und mit einer Nachbarin plauscht. Keine Minute später ist er zurück, um wieder auf seinem Stuhl Platz zunehmen. Nun ja, wenn er es so will, soll er seinen Willen haben. Nach dem Essen setzen sich Ute, Marc und Ilona zu der Frau und den beiden Kindern. Am Tisch bleibt ein Rest Nudeln ohne Soße zurück. Ich nehme eine Nudel, um sie dem Hund zu geben, dann eine zweite, dann eine – nein keine dritte mehr. Der Afrikaner hat beschlossen, dass die Nudeln für den Hund zu schade sind und hat sich den Teller unter den Nagel gerissen. Es ist zwar nicht die feine englische Art, ich kann es aber verstehen. Minuten später trauen wir vier am Tisch unseren Augen nicht: Unser hungriger Sambianer hält Marcs gefülltes Rotweinglas in der Hand hat und trinkt es zügig aus! Das geht dann doch ein wenig zu weit, aber vor meinen Gästen möchte ich auch keine Szene hinlegen. Wir sehen uns alle erstaunt an, ignorieren ihn aber. Das scheint er aber als indirekte Ermunterung aufzufassen, sich an der 5-Liter-Weinbox selbst zu bedienen und das ausgetrunkene Glas gleich wieder aufzufüllen. Wir sind halb amüsiert, halb erzürnt und wählen den diplomatischen Weg: wir räumen den Tisch ab.
 
Camp in Zambia

Wie befürchtet, leben auch in diesen Dörfern Hähne jener unangenehmen Mutation, die spätestens um 3 Uhr morgens ihre Stimme trainieren, um müden Reisenden die Bettruhe zu rauben.

 

Spritztour nach Mayuka

Wir haben gehofft, direkt über Mulema nach Chinsali fahren zu können. Es lässt sich auch gut an, als wir die Abzweigung erreichen. Die Piste ist neu gegradet und richtig einladend. Doch eine resolute alte Frau mit Fahrrad nimmt uns jede Illusion – keine Brücke, kein Ponton über den Chambeshi an dieser Stelle. Also geht es weiter über den Kalungu, den wir bei Chisali überqueren. Weite Flutebenen mit Kuhherden erinnern uns erneut an den Wasserreichtum des Nordens. Ein Fahrdamm durchzieht dieses Sumpfgebiet mit hohem Gras und unzähligen Termitenhügeln. Zusammen mit den einzelnen Bäumen wirkt dies wie eine Savannenlandschaft. Chambeshi Plain

Je näher wir dem Chambeshi kommen, um so häufiger begegnen wir Fischern mit Speeren und Netzen, immer in Begleitung mehrerer Frauen. Mit Englisch haben sie nicht viel am Hut. Wir erreichen die offene Chambeshi-Sumpfebene, im Hintergrund das dunstige Bergland von Isoka. Zwei Kilometer weiter stehen wir an der Fähre. Nachdem uns den ganzen Tag kein einziges Auto entgegen kam, hatten wir schon Zweifel, ob die Fähre überhaupt funktioniert. Es ist eine dieser typischen handbetriebenen Fähren mit einem großen Schwimmkörper (Platz genug für zwei Fahrzeuge) und zwei Rampen, die über bewegliche Pfosten und Drahtseile miteinander verbunden sind. Dann natürlich das “Tragseil” damit die Fähre nicht abgetrieben wird und das Zugseil, damit DU die Fähre auf die andere Seite bewegen kannst: Holzgriff einhaken und kräftig ziehen. Dann ist man drüben.

Hier werden wir schon von einer Gruppe Kinder erwartet werden. Musungus mit Kamera! Welch eine Freude und Geschrei, als wir sogar Blitzlichter einsetzen und Christoph Bilder mit seiner Sofortbildkamera verteilt.

Chambeshi Ferry
Ilona übt mit den Kindern das Zählen in Chibemba und Englisch. Ich bin damit beschäftigt, dem Fahrer eines liegengebliebenen Toyotas Motoröl zu verkaufen. Eine typische Szene Sambias. Sogar Marktstände gibt es hier, wo wir immerhin eine Papaya ergattern. 31 km nach der Fähre biegen wir rechts ab in Richtung Chinsali. Die zunächst schlechte Piste entwickelt nach 20 km eine auf dieser Reise noch nicht erlebte Qualität. Ich könnte mit 100 km/h dahin rauschen. Ein verspätetes Mittagessen nehmen wir an den Chipoma Falls ein, die ihre Eintrittsgebühr nicht wirklich wert sind. Aber man kann recht schön Baden und die Landschaft ist auch ansprechend. Wir wollen aber nicht an den Chipoma Falls übernachten, sondern bis zu den Kapishya Hot Springs weiterfahren.
Die Piste nach Shiwa Ngandu und weiter zu den Hot Springs bereitet keinerlei Probleme, so dass wir am späten Nachmittag dort ankommen. Beim Abendessen taucht der Vollmond hinter den Palmen auf, wir genießen den kühlen Abend und gönnen uns vor dem Schlafengehen ein ausgiebiges Mondscheinbad in den heißen Quellen. Unbeschreiblich – das muss man selbst erlebt haben.


Shiwa NganduDer nächste Tag geht gemütlich, aber schnell vorüber. Vormittags Besuch von Shiwa Ngandu, dem einzigartigen feudalen, alten Herrschaftssitz, der manchem englischen Landsitz zur Ehre gereichen würde, nachmittags die Wanderung zu den Chusa Falls. Die Wanderung tut uns gut, zwei von uns verzichten auf den Shuttle Service und laufen die ganze Strecke auch wieder zurück, obwohl die Sonne bereits tief steht. Zum Abendessen gibt es die berühmten Griesschnitten, fast schon Tradition, wenn wir an den Hot Springs übernachten.

Als nächstes steht eine Strecke auf dem Programm, die wir selbst noch nicht gefahren sind: die Annäherung an die Bangweulusümpfe von Osten. Mark Harvey kennt die Gegend und gibt uns wichtige Informationen mit auf den Weg. Vor allem bestärkt er uns bei unserem Vorhaben. Als “very unique” und “ you can’t find something like this anywhere else in Zambia”, stuft er den Trip ein. Wir wissen zwar nicht, was er damit meint, aber es klingt vielversprechend. Los geht’s.

Mbati RoadErst nach Westen bis zur Hauptstraße und dann weiter, hinein in das uns unbekannte Gebiet Richtung Bangweulu. Beim ersten quer liegenden Baum finden wir es noch lustig: Wir sind in eine Straßenverbesserungsmaßnahme geraten. Ganze Dörfer sind auf den Beinen. Die Männer fällen die Bäume. Über die Fallrichtung braucht man sich keine Sorgen zu machen: immer quer über die Straße. Die überraschten Holzfäller – offensichtlich hat niemand heute ein Auto erwartet – hacken den Baumriesen für uns besonders rasch in Stücke. Das geht schneller als man es den mageren Gestalten mit ihren einfachen Äxten zutraut. Ihre Äxte seien aus Landrover-Federn, erläutert uns einer der Arbeiter. Als ich scherzhaft nachfrage, ob nur aus Federn von Landrover, kommt die Antwort: “No Sir, even Landcruiser, any kind of truck”. Die Frauen übernehmen das Gebüsch am Rand, so dass eine breitere Schneise entsteht. Kleine Pflöcke markieren die Straße für den Grader, der in einigen Tagen kommen wird, um die Piste zu planieren. Seitlich werden kleine Gräben ausgehoben, damit bei der anstehenden Regenzeit nicht alles wieder weg geschwemmt wird.

Kaum 500 m nachdem wir den ersten Baum passierten, liegt schon der nächste quer. Man versichert uns es käme kein weiterer mehr, zerlegt den Baum und weiter geht’s – bis zum nächsten. “Sorry, we didn’t know that you will come” erwidert man auf unseren Unmut, was uns wiederum erheitert und freundlich stimmt. Den vierten Baum ziehen wir mit dem Bergegurt und dem Landcruiser zur Seite, danach kommt kein weiterer mehr.

Mbati wird in den meisten Publikationen als Zugangsort für den Isangano NP bezeichnet. Nun ja, ich bin mir sicher, dass es möglich ist, einen Einbaum-Transfer auf die andere Flussseite zu bekommen, wo man dann schon freudig von den drüben wohnenden Dörflern erwartet wird. Eine große, gemauerte Halle und ein zum Chambeshi hinab führendes Gleis lassen auf eine ehemalige Schiffsanlegestelle schließen. Tatsächlich gab es früher eine Bootsverbindung auf den Flüssen und Kanälen quer durch die Sümpfe bis nach Samfya. Isangano NP


Die Piste bleibt ab jetzt stets in Flussnähe, sie führt durch zahlreiche sehr urige Dörfer. Es ist Sonntag, und die Menschen sind auf dem Rückweg von der Kirche. Alle tragen ihr farbenfrohes Feiertagsgewand. Englisch spricht kaum jemand, aber besonders die jungen Frauen reagieren mit einem verführerischen Lächeln auf jedes Augenzwinkern. “Sweety, Sweety”-Rufe kennt man hier noch nicht, meist schallt uns einfach nur ein freundliches, sehr lang gezogenes, melodiöses “OK” entgegen.

Irgendwann verpassen wir unsere Abzweigung nach Mayuka und landen statt dessen in einem verkommenen Fischerdorf. Sackgasse. So recht wohl fühlen wir uns nicht. Die Erwachsenen reagieren eher abweisend auf uns, während die Kinder um so näher rücken. Waren auf dem Weg hierher alle farbenfroh und fröhlich, so erscheint dieser Ort eher bedrohlich, zumindest sehr vergammelt und chaotisch. Man ist sich hier auch nicht einig, ob man mit dem Auto nach Mayuka weiterfahren kann. Die Abzweigung dorthin sollte bei der Samata Middle School gewesen sein. Also neun Kilometer zurück, und wieder sehen wir keine Abzweigung, obwohl wir ganz genau aufgepasst haben. Wir fragen erneut, müssen nur 200 m wieder rückwärts und stehen vor einem zugewachsenen Waldweg. Gesehen haben wir diesen Weg schon, aber ihn nicht für die gesuchte Piste gehalten. Hier ist seit Monaten kein Auto mehr gefahren. Erneut beraten wir, ob wir uns dies antun sollen. Laut Karte sollten wir eigentlich eine baumlose Ebene überqueren. Die Umstehenden ermuntern uns, es seien nur “some little badnesses”, die aber zumindest der Toyota bewältigen könne. Beim VW-Bus sind sie sich nicht so sicher (das sind wir gewöhnt). Die ungemütliche Waldpiste endet nach 1,5 Kilometern. Vor uns öffnet sich eine weite Flutebene, über den der künstlich aufgeschaufelte Fahrdamm führt. Leider wird die Piste nicht mehr gewartet und nur noch von Radfahrern benutzt. Gleich am Anfang fehlt eine Brücke. Auch dies kann uns nicht abschrecken, es ist Trockenzeit und kein Wasser weit und breit. Wie üblich kann man die fehlende Brücke umfahren. Der Fahrdamm ist teilweise mit Gestrüpp bewachsen, wir weichen auf die Ebene aus. Die ist dafür so holprig, dass sich der Damm doch als kleineres Übel erweist. Noch drei- oder viermal ist der Fahrdamm unterbrochen, ohne uns wirklich vor Probleme zu stellen. Mbati, Bangweulu Swamp

Der ganze 13 Kilometer lange Causeway wurde vor langer Zeit einmal von Hand gebaut. Wir stellen uns vor, wie diese weite Ebene zur Regenzeit aussehen wird; nicht tiefes Wasser sondern endlose flache Seen bilden dann die Landschaft.

Ein blaues Haus markiert das Ende in Mayuka. “The Chief of Mayuka is an absolut idiot” soll angeblich schon David Livingstone geschrieben haben und es gibt Leute, die so auch über den momentanen Chief denken. Tatsächlich sind die Menschen merkwürdig zurückhaltend. Aber vielleicht sind wir ja nur verwöhnt von heute Vormittag. Nach einem kurzen Abstecher ins Dorf treibt es uns weiter. Die Brücke über den Lulingila existiert gottlob, und hier werden wir auch wieder laut begrüßt. Die Frauen laufen uns mit ihren schreienden Kleinkinder entgegen, als wollten sie ihrem Nachwuchs Anschauungsunterricht in Sachen Musungus geben. Männer scheint es in diesem Dorf nicht zu geben. Wir passieren noch ein paar verlassene Dörfer, bevor wir auf den nächsten “Man-made-Causeway” aus den 1950-er Jahren treffen. Diese teils tiefsandige Piste wird allerdings regelmäßig befahren. Nach 10 km erreicht man den Rand der Ebene, erste Bäume und hohes gelbes Gras laden ein, hier die Nacht zu verbringen. Unser Tagespensum ist jedoch durch die Verzögerungen am Morgen noch nicht erreicht. Die Savanne geht in Wald über. Entlang der Piste wurden die Bäume nicht gefällt. Statt größeren Dörfern erwartet uns ein Reihendorf, alle 200 m führt links und rechts ein kleiner Weg zu einem etwas zurückversetzten Haus. Dahinter liegen die Felder. Durch die durchgehende Bebauung wird es für uns schwierig, einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Wir werden fündig an einer kleinen Lehmgrube für den Ziegelbau. Hier ist der Boden vegetationsfrei und bestens geeignet für unsere Gruppe. Die Bewohner der gegenüber liegenden Hütte sind verreist. Es sammeln sich trotzdem einige Nachbarn an und schließlich taucht auch noch der “Headman of the Village” auf. Ein kleiner alter Mann im zerschlissenen Mantel. No English. Auch er hat keine Einwände gegen unsere Übernachtung und wünscht uns eine gute Nacht. Er ist Antialkoholiker und Katholik, daher lehnt er unser angebotenes Bier ab, reicht es statt dessen an einen seiner Assistenten.

Gleich nach dem Aufbruch am nächsten Morgen wird die Piste so schlecht, dass eine Umfahrung durch den Wald geschlagen wurde. An dessen Ende - ein Schlagbaum! Noch rätseln wir über den Sinn des offensichtlich erst letzte Nacht errichteten Schlagbaums, als auch schon der “Headman” von gestern abend breit grinsend und mit jugendlichem Elan heran spurtet, um uns um “5 Bin” zu erleichtern. Dies sei eine Community Road und wir hätten daher Road Toll zu bezahlen. Wir müssen uns das Lachen verkneifen. Der Headman hat tatsächlich nachts einen Schlagbaum für uns errichten lassen! Geistesgegenwärtig erklären wir, dann statt der Community Road doch die schlechte öffentliche Piste zu benützen. “But you can’t do this!” meint er. Ich bleibe stur und argumentiere, dass es in ganz Sambia keine Road Toll gibt und nirgends Schlagbäume, wo Straßenbenützungsgebühr verlangt wird. Der Headman nickt zustimmend und schließlich lachen alle. Er findet den Spaß offensichtlich auch ohne Erfolg lustig, lässt uns grinsend weiterfahren und wünscht uns eine “Save Journey”. Das ist Sambia!

Kurz vor Chalabesa noch eine kleine “Badness”. Eine Holzbrücke aus krummen, schiefen, aber sehr massiven Stämmen erscheint nicht besonders vertrauenerweckend, kann aber auch nicht umfahren werden. Wäre ich Reisejournalist, der von Abenteuerberichten leben müsste, hätte ich wohl in der Story die Brücke hinter uns zusammen krachen lassen und wäre gerade noch mit dem Leben davon gekommen. Wir dagegen schießen ein paar Fotos und fahren vorsichtig drüber. In Chalabesa erwartet uns eine frisch gegradete Piste und anschließend gute Teerstraße bis Mpika.
 

Staubiges Idyll mit Moorantilopen

Mpika. Endlich wieder einkaufen. Brot ist kein Problem, es gibt eine Bäckerei. Fleisch ist schon schwieriger. Die Shiwa Butchery hat wieder einmal nur Hackfleisch, die anderen Metzger noch weniger. Ein Laden verkauft gefrorene Hühnchenteile (einschließlich Füßen und Köpfen). Wie oft die schon aufgetaut waren, will ich lieber gar nicht wissen. Mit Eiern ist es auch so eine Sache. Sie stammen angeblich aus Ndola und stehen stapelweise zum Verkauf vor dem Laden in der Sonne. Zu oft bekamen wir schon alte Eier. Diesmal machen wir den Wasserglastest und prüfen jedes Ei, ob es schwimmt oder absinkt. Die Jungs finden dies lustig und von allen Seiten reicht man uns die Eier. Wir unterhalten mit unserem merkwürdigen Gebaren bald die ganze Straße. Gemüse gibt’s auf dem Markt, Bier im Restaurant Golden Dragon, Nudeln beim Inder und Wasser im Laden nebenan. Die besondere Spezialität dieser Jahreszeit sind frische grüne Raupen. In Mpika ist Einkaufen noch ein Erlebnis. Auf viele Läden und den Markt aufgeteilt bekommt man wirklich alles Wesentliche.

Der Chiundaponde Road sehen wir mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie gehört zur Kategorie von Piste, die keinen Spaß macht. Starke Auswaschungen erlauben nur das Fahren im 2. Gang. Dass die Fahrt durch den Lavushi Manda NP führt, bringt auch keinen Erlebnisgewinn. Tiere bekommen wir nicht zu sehen und die Landschaft bietet wenig fürs Auge. Links und rechts eintöniger Wald, nur zu Beginn noch offene Flächen, wo man auch campieren könnte. Wir übernachten lieber am Ufer des Lukulu. Das wird dann doch noch sehr stimmungsvoll, immerhin hören wir einen Trompeterhornvogel und Milane suchen sich am Morgen die Überreste unseres Abendessen. Nachts rattert der obligatorische Lkw vorbei, obwohl dies wegen der Nationalparkschranken eigentlich gar nicht möglich sein dürfte. Wir können am nächsten Tag auch keinen Eintrag im Buch zu finden.

Zu Beginn der Piste nach Muwele erwartet uns nächste Schranke. Wieder werden wir in ein Buch eingetragen. Hier erinnert sich ein Mann, uns vor vier Jahren am Ntunta Wildlife Camp schon einmal begegnet zu sein. Wir staunen über dieses gute Gedächtnis.

BangweuluWir durchfahren die Bangweulu Game Management Area. Freundliche Bisadörfer mit Cassavafeldern säumen die Piste. Ein Lkw versperrt den Weg wegen einer Reifenpanne. Axt raus, ein paar junge Bäume umschlagen und schon kann man vorbei. Nach 27 km beginnt ein Fahrdamm. Die Bäume werden spärlicher und mickriger, die Dörfer bleiben hinter uns. Kleine graue Termitenhügel prägen die Landschaft. Das Dorf Muwele liegt am Rande der Bangweulusümpfe. Hier winkt man uns zu, als wir einen falschen Weg einschlagen, läuft uns hinterher, um uns die Piste zum Shoebill Camp zu weisen. Gleich nach dem Dorf beginnt die offene Plain. Noch ein paar letzte Bauminseln, kaum noch Termitenhügel. Dann ist es bretteben und völlig ohne Landschaftsmerkmale. Nur noch eine endlose leere Weite. Obwohl wir über Gras fahren, begleitet uns eine riesige Feinstaubwolke. Heftiger Sturm erzeugt permanent kleine Wirbelstürme.

Wir peilen die ehemalige Forschungsstation Chikuni an, werden endlich wieder in ein Buch eingetragen und befinden uns nun in der Chikuni GMA. Man weist uns den Weg: Erst entlang des Airstrips, dann vor dem Windsack rechts den Spuren nach. Alles klar? GPS-Daten geben uns die Sicherheit, richtig unterwegs zu sein. Die Spuren verlaufen kreuz und quer. Egal welche Spur ich wähle, immer erzeugen wir eine riesige Staubwolke. Vereinzelt erkennen wir Grashütten auf kleinsten Erhebungen, meist neben einer Palme platziert. Bangweulu: Black LechweNach 3 Kilometern erreichen wir das Shoebill Island Camp. Trotz Vorreservierung weiß man nichts von unserer Ankunft. Nicht weiter schlimm, sind wir doch die einzigen Gäste. Am Morgen hatten wir noch blauen Himmel, hier ist die Luft trübe und staubig. An manchen Stellen ist die Grasfläche abgebrannt. Angetrieben vom Wind frisst sich das Feuer immer weiter. Eine riesige Herde Schwarzer Moorantilopen zieht vorüber, das Feuer scheint sie nicht zu stören, sie lagern sogar auf einer abgebrannten Fläche und scharren in der schwarzen Asche. Wassertümpel voller Riet und Sumpfgräsern beherbergen jede Menge Vögel. Mit Fernglas und Vogelbestimmungsbuch wandern wir zu den Tümpeln und entdecken auf Anhieb einige neue Spezies. Mit dem VW-Bus gehen wir auf Afternoon-Gamedrive. Ohne Ziel, aufs Geratewohl über die unendlichen Weiten. Niedrige, kilometerlange Dämme zerteilen die Landschaft. An manchen Stellen sind sie abgeflacht, um ein Überqueren zu ermöglichen. Haufenweise Spuren kreuz und quer. Staub, Dunst und trübes, violettes Abendlicht. Die Ebenen verschwimmen mit dem Horizont. Bereits nach wenigen Kilometern ist man froh, mit Satellitennavigation ausgerüstet zu sein. Wir sehen zahlreiche Moorantilopen. Auf dem Rückweg begegnen uns zwei Streifenschakale. Menschen leben in dieser staubtrockenen Jahreszeit nicht in der Gegend. Doch wenn das Wasser kommt, sind auch die Ushi wieder da, bauen neue Grashütten, legen Reusen und staken auf Einbäumen durch die Tümpel und Kanäle. Die Ushi sind nicht besonders gut angesehen bei ihren Landsleuten. Ein Guide vom Camp beschreibt es so: “Sie folgen niemanden, selbst ihrem Chief nicht. Und wenn sie streiten, kann es vorkommen, dass sie sich gegenseitig umbringen”. Bangweulu

CassavaGegen 11 Uhr vormittags brechen wir wieder auf. Am Vortag sind uns in den Dörfern eigenartige, kanuförmige Tröge aufgefallen, in denen die Frauen in Gemeinschaftsarbeit Cassava stampfen. Wir halten an in einem der Dörfer. Sofort sind wir von Kindern und Erwachsenen umringt. Erstmal haben wir die Kameras im Auto gelassen, wissen wir doch, dass die Bisa nicht so gern fotografiert werden. Ich frage einen älteren Mann, ob wir dürfen. Er meint, gegen Bezahlung ginge es. Ich winke ab. Es ginge auch, wenn wir die Bilder schicken, schlägt er vor. Das ist ein Wort. Im nächsten Jahr werden wir wieder in die Sümpfe fahren und die Bilder persönlich abliefern. Die Kinder sind begeistert. Als sich dann auch noch Uli einen der Stampfhölzer schnappt und Cassava stößt, schüttelt sich das ganze Dorf vor Lachen.

 

 

 

 

Vom Hagel, Flughunden und Pythonschlangen

Frühnachmittags erreichen wir den Lake Waka Waka. Dunkle Wolken kündigen Regen an, weshalb wir sofort zum Baden gehen, bevor der Sturm loslegt und es ungemütlich wird. Von wegen Sturm und Regen. Eine Hagelfront mit murmelgroßen Körnern zieht über uns hinweg. Der See kocht, ein Gemisch aus Blättern und Hagelkörnern bedeckt sofort den Boden. Wir flüchten durchnässt in den “Dining Room” und staunen nicht schlecht. Zwar kennt man in Sambia Hagel, doch so große Körner hat noch keiner der anwesenden Caretaker erlebt. Apropos Caretaker. Unauffällig und effizient, freundlich, zurückhaltend und doch zur Stelle, wenn man sie braucht. Am Waka Waka See arbeiten die besten Caretaker, die wir kennen.

Nach dem Hagel regnet es noch eine Weile, die Temperatur fällt auf 20 Grad. Wir tafeln am Ufer mit penetranter Beschallung der liebesbereiten Frösche. Barfuß, nur mit Taschenlampe und Schüssel bewaffnet, pirsche ich mich ans sumpfige Ufer um mir einen der Krachmacher zu schnappen. Er ist zu sehr mit seiner Angebeteten beschäftigt, um meine Annäherung zu bemerken. Im letzten Moment – coitus interruptus und Flucht. Doch zu spät, die Schüssel stülpt sich über ihn und gleich danach steht er zur Begutachtung auf dem Tisch. Uli nützt die Chance und küsst hoffnungsvoll den Frosch, aber nein, alles Lüge, nichts passiert, keine Prinzessin, nicht mal ein Prinz. Auch der Frosch hat den Kuss überlebt, wird wieder frei gelassen und schweigt für den Rest des Abends.

Bangweulu: Lake Waka WakaEs ist vergleichsweise kühl am nächsten Morgen. Weit kommen wir nicht auf unserer Waldpiste. Schon wieder liegt ein Baum quer. Dem Sturm von gestern Abend konnte der morsche Stamm nicht standhalten. Routiniert ziehen wir den Baum mit dem Bergegurt zur Seite. Die Strecke bis zum Livingstone Memorial ist relativ gut - wir können manchmal im dritten Gang fahren. Gelegentlich kommen uns Fahrradfahrer mit getrocknetem Fisch entgegen. Sie transportieren den Trockenfisch von Chiundaponde bis zur Teerstraße beim Kasanka NP. Von dort fährt in ein Händler mit Pickup in den Copperbelt. Vermutlich stammt der Fisch aus dem Lukulu, aber genau wissen wir es nicht.

An diesem Tag sind wir nicht die einzigen Besucher am Livingstone Memorial. Zwei Männer in einem Fahrzeug aus Zimbabwe sind schon da. Eine Kinderschar widmet sich uns, ein alter Mann fungiert als Führer und besteht darauf, dass wir uns noch ins Gästebuch eintragen. Das Buch liegt allerdings in der etwa ein Kilometer entfernten Klinik. Man sollte diese Gelegenheit wahrnehmen, um einmal eine sambische Dorfklinik kennenzulernen. Sie bestehen meist aus zwei kleinen Gebäuden, einem Beratungszimmer und einem mit ein paar Betten. Einen Arzt gibt es in der Regel nicht, mehr als eine Krankenschwester darf man nicht erwarten. Die Gebühren entsprechen dem finanziellen Rahmen der Bevölkerung. Hier sind es 500K (10 Cent) pro Visite, Kinder unter 5 und Erwachsene über 65 sind befreit.

PythonIm Kasanka Nationalpark erwartet uns mit den Flughunden ein besonderes Highlight dieser Reise. Doch zunächst gibt es eine weitere Überraschung: Uns ist zu Ohren gekommen, dass in der Nähe des Ponton-Campingplatzes ein Python haust. Der Caretaker weiß, wo die Würgeschlange wohnt und führt uns sofort dorthin. Der Python liegt vor seinem unauffälligen kleinem Erdloch und sonnt sich. Als er uns wahrnimmt, verschwindet er gemächlich in seine unterirdische Höhle. Wie oft sind wir schon an solchen Löchern vorbei gelaufen, ohne zu ahnen, was sich darin womöglich aufhält? Der Nachmittag ist schnell vorüber, jetzt wird es Zeit für die Flughunde. Zuverlässig wie jedes Jahr im November fliegen sie bei Einbruch der Dunkelheit aus zu ihren nächtlichen Futterplätzen. Unaufhörlich, als wenn sich die ersten wieder hinten anreihen würden, fliegen Hunderttausende Flughunde sehr leise etwa eine halbe Stunde lange über uns hinweg. Nur die Flügelschläge erzeugen ein Summen. Besonders beeindruckend ist der Blick durchs Fernglas. Es wimmelt wie Bakterien unter dem Mikroskop.

Die Fahrt in dunkler Nacht durch den Wald zurück zum Camp ist für die meisten ein neues Erlebnis. Im Scheinwerferlicht scheinen sich die Bäume auf das Auto zu zu bewegen. Alle stehen noch unter dem Eindruck des Flughunde-Spektakels, als wir bei Mondschein zu Bett gehen. Flughund / Kasanka NP

Am frühen Morgen, noch vor dem Frühstück, sitzen wir wieder auf dem Fibwe Hide. Diese Plattform ragt in einem hohen Mahagonibaum über dem Kapabisumpf und gilt als eine der besten Stellen Afrikas, um Sumpfantilopen zu beobachten. Auf den ersten Blick sehen wir nur hohes Gras. Erst bei konzentriertem Hinsehen erspähen wir die Sitatungas. Mindesten zehn wollen wir entdecken, vorher gibt es kein Frühstück. Und das schaffen wir tatsächlich rasch. Die beiden Pukus, die sich als Sitatunga ausgeben, werden nicht mitgezählt. Das Frühstück verläuft ein wenig wehmütig. Jeder weiß, dass dies die letzte Nacht in der Wildnis ist. Im Prinzip steht jetzt nur noch die Rückfahrt nach Lusaka auf dem Programm, mit einem weiteren Stopp auf dem Forest Inn Campingplatz. Der schillernde Amethystglanzstar ist wieder da. Ungewöhnlich oft ist er uns auf der Reise begegnet. Trotzdem ist für mich der Ruderflügelvogel die Überraschung der Tour.

Kasanka NP: Hide

 

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