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Willkommen beim Ilona Hupe Verlag

Der Spezialist für Afrika und Oman


Chilwa Island in den Lukanga Swamps (Zentralsambia)

Ein beschwerlicher Besuch bei den Sumpffischern von Chilwa Island
und die Geschichte von den Munkoyo-Steinmännchen der Lamba


Ein Reisebericht von Ilona Hupe und Manfred Vachal: Zentralsambia-Tour im Oktober 2006

Chilwa

Es liegt schon einige Jahre zurück, dass wir einen Bericht entdeckten, den H. P. Haile vor mehr als einem halben Jahrhundert im “The Northern Rhodesia Journal” veröffentlichte. Er beschreibt, mit ein paar Fotos und einer Handzeichnung geschmückt, den Lebensrhythmus der Fischer von Chilwa Island inmitten der Lukanga-Sümpfe. Dieser Bericht aus der Kolonialzeit weckte unser Interesse und fortan sammelten wir Informationen vor Ort, recherchierten anhand von alten Detailkarten und neuen Satellitenaufnahmen, durchsuchten das Internet und unsere mittlerweile ansehnliche Zambia-Bibliothek, um Näheres und vor allem Aktuelles über diese Insel im Sumpf zu erfahren. Und rasch zeigte sich, dass die Gegend, obwohl geographisch kaum 150 km Luftlinie von Lusaka entfernt, bis heute weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit in einem regelrechten “Informationsloch” schlummert. Was sie noch interessanter machte.

 

Im Herbst 2006 war es endlich soweit, dass wir Chilwa Island besuchen konnten. Noch immer war unklar, ob man die Insel in der Trockenzeit überhaupt per Auto erreichen kann, oder von wo aus man per Boot übersetzen müsste. Die ersten Auskünfte, die wir an Road Blocks oder Schulen einholten, waren eher irreführend – die Leute schickten uns in zwei verschiedene Richtungen. Wir fanden trotzdem einen unbeschilderten Weg, der nach unserer GPS-Peilung zumindest in Richtung Chilwa führte, und trafen schließlich auf ein Dorf gegenüber der Insel, wo sogar ein Bus bereit stand, um Passagiere und Trockenfisch aus Chilwa Island nach Luanshya zu transportieren. Doch weiter zur Insel ging es von hier aus nur per Ochsenkarren oder zu Fuß durch hüfthohes, schlammiges Wasser. Nichts für uns. Aber immerhin erfuhren wir hier, dass es tatsächlich eine Zufahrt gibt. Der ansässige Chief untersage aber jeglichen kommerziellen Verkehr. Nur mit einer Genehmigung des Lenje Chiefs Mukubwe dürfe man mit einem Fahrzeug die Insel betreten! Zuwiderhandlungen ahnde der strenge Chief durchaus mit mehrtägiger Haft, wie uns mehrfach von unseren verschiedenen Geprächspartnern versichert wurde.

Und leider konnte uns auch keiner der Befragten beschreiben, wo diese Zufahrt eigentlich ist. Also wieder zurück zur Hauptpiste gefahren, fragen, abwägen, weiter fragen. Alle wollten uns wieder zurück zu dem uns bereits bekannten Dorf schicken. Endlich erwischten wir einen Fahrradfahrer, der die gesuchte Strecke kannte. Leider sprach er kein Englisch. Aber er fuhr bis zum Pistenbeginn mit dem Fahrrad vor uns her, beschrieb noch mit ausladenden Handbewegungen, dass wir an einer bestimmten Stelle in eine bestimmte Richtung fahren sollten, was wir zwar ahnen aber leider nicht übersetzen oder deuten konnten. Die Piste ließ sich gut an. Kaum Dörfer, weder Fußgänger noch Fahrradfahrer kamen uns entgegen. Wir verbrachten die Nacht neben der Piste in einer richtig ansprechenden Landschaft. Hier fehlten nur noch ein paar Wildtiere. Aber weder Geräusche noch Losungen deuteten auf deren Anwesenheit hin. Alles ist leer gewildert.

Nach dem Frühstück fuhren wir durch einen kratzigen Waldgürtel. Wir waren definitiv nicht auf einem Highway! Und dann kam auch die Gabelung von die unser Radfahrer beschrieben hatte. Zielstrebig wählten wir die falsche Piste und landeten nach 10 km wieder am Sumpf. Chilwa Island machte es uns nicht leicht. Aber immerhin war die Strecke gar nicht so schlecht gewesen. Also zurück zur Gabelung und die andere Piste genommen.

Es ging nun durch eine baumlose, weite Ebene. Ganz so wie wir es erwarteten. In der Ferne tauchte wieder so eine Art Schilfgürtel auf, unsere Fahrspur wurde immer dünner, war kaum noch als solche erkennbar. Vor uns die Insel, hielten wir direkt darauf zu.

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Am Inselrand war die Piste auch wieder deutlich sichtbar. Leider aber so stark eingewachsen, dass wir nach einigen Hundert Metern enttäuscht beschlossen, wieder umzukehren. Wir sind nicht zimperlich mit unserem Auto und stören uns nicht an kratzigem Buschwerk. Doch das war zu übel. Unser Gefährt mit dem Dachzelt war einfach zu hoch für Buschwerk und Bäume. Wir wollten uns gerade geschlagen geben, so kurz vor dem Ziel. Da tauchte ein schwer beladener Fahrradfahrer auf und beteuerte, der Waldweg würde sehr bald viel besser werden. Manfred zog nun zu Fuß mit ihm los. Eine geschlagene Stunde “clearten” die beiden Männer die Piste mit Säge und Axt, schlugen so die dicksten Äste ab. Dann wagten wir einen zweiten Anlauf, ignorierten das kratzigen Dorngeäst, das auf unserem Lack entlang schrammte, hofften inständig, auch die Reifen würden diesen Dornenwald überstehen, und erreichten nach über drei einsamen und sehr kratzigen Kilometern, die wie ein Dornenschutzwall Chilwa umgeben, den besiedelten Teil der Insel.

Chilwa Island - Wie muss man sich diese Insel eigentlich vorstellen? Sie ist von länglicher Form, erhebt sich bis etwa 60 m über den umgebenden Sumpf, ist voller Lehmhütten und demnach stark besiedelt. Der ursprünglich Baumbestand der Sandinsel ist Buschgehölz und Mangobäumen gewichen. Rund um Chilwa liegen Sumpfgewässer mit stehendem Gras soweit der Blick reicht. Schon der Einleitungssatz des Kolonialberichts betont “... is seldom visited by Europeans... is only accessible by biciycle and canoe...”. und ebenso zeigt sich die Insel heute noch.

Eine behördliche Erhebung vom Juni 1957 ermittelte 389 Bewohner auf der etwa 3,5 x 11,5 km langen Insel. Damals lag die nächste Schule 20 Meilen entfernt. Zwar hat Chilwa Island inzwischen eine eigene Grundschule, doch klagen die beiden Lehrer über ihren schweren Stand, denn die ansässigen Fischer zeigen wenig Ambitionen, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Hier herrscht noch ein sehr traditionelles Bild vor: Mädchen werden früh verheiratet, Jungen lernen schon von Kindesbeinen an, als Sumpffischer zu überleben. Lesen und Schreiben brauchen sie nach Ansicht vieler Eltern nicht – worin sich die Menschen hier deutlich von der sambischen Mehrheit unterscheiden.

Chilwas Boden ist fruchtbar und könnte reiche Ernten versprechen, doch die ganze Region konzentriert sich voll auf den Fischfang in den Sümpfen. Daher gibt es auch mehrere “Kanuhäfen” entlang der Insel-Ostflanke, die zugleich als Umschlagplätze für Trockenfisch, Hölzer, Bier und Lebensmittel fungieren. Obwohl von hier aus riesige Mengen Trockenfisch den Märkten im Copperbelt, vor allem in Luanshya, zugeführt werden, läuft die Fischerei immer noch nach uralten Traditionen, in Handarbeit und in Kleinstgruppen ab. Es ist praktisch ein Parallelmarkt zum offiziellen Handel, und es ist die Begegnung zweier Welten, von der die eine starr in alten, bewährten Lebensmustern verharrt.

Endlich auf der “verbotenen Insel”!

Als Fremder und Weißer nach Chilwa zu kommen, heißt zunächst einmal, unerhört aufzufallen. Die Frau des Chefs vom Gesundheitsposten, selbst eine “Außenseiterin”, da nur für ein Jahr von Kabwe hierher versetzt, versicherte uns, die Kinder würden nur deshalb so starren, weil sie sicherlich in ihrem Leben noch keine weiße Frau gesehen hätten. Außer einem Pater, der gelegentlich die Insel besucht, setze kein Weißer seinen Fuß auf Chilwa Island. Wir registrierten durchaus, dass man uns hier zurückhaltender als andernorts in Sambia begegnet. Dennoch stellte sich bald der Headman von Chilwa vor und führt uns bereitwillig durch den Ort und zum Hafen – mit der ganzen Kinderschar in gebührendem Abstand hinter uns her laufend.

Im “Hafen” lagen rund zwanzig Einbäume, am Ufer hockten ein paar Leute mit Gepäckbündeln. Ein Ochsenkarren wurde mit Trockenfisch beladen; zwei oder drei Fischer stakten mit ihren Einbäumen durch den schmalen Kanal, der beiderseits mit hohem Sumpfgras umschlossen ist. Die wenigen Frauen hielten in Emailleschalen Erdnüsse und Nshima (Cassavabrei) bereit. Kommt ein Fischer nach Tagen oder Wochen aus den Sümpfen zurück, setzt er sich erst einmal am Hafen nieder zum Essen. Danach beginnt der Handel.

Unser Interesse galt natürlich besonders diesen Sumpffischern, die sich in den Swamps Hütten auf Grasinseln bauen und dort wochenlang ausharren. Also brauchten wir ein “Einbaumtaxi”, aber selbst der Headman konnte keinen der Männer dazu bewegen, eine solche Sonderfahrt zu unternehmen. Einer verlangte schließlich eine astronomisch hohe Summe, wodurch auch dem Headman klar war: es will einfach keiner! Also kehrten wir zurück in den Ort, wo hohe Mangobäume Schatten spenden, und setzten uns zu einigen älteren Frauen.

 

Mr. Haile hatte Folgendes über die Grasinseln zu erzählen (frei übersetzt):
“Der einzelne Fischer bricht normalerweise allein mit seinem Einbaum in die Sümpfe auf. Er hat nur seine Fischernetze, einen Sack Maismehl, einen Kochtopf, eine Decke, etwas Feuerholz und Zündhölzer bei sich. Wo es ihm im Sumpf nun gefällt, baut er eine kleine ”Grasinsel”, indem er die Riedgräser zu einer Plattform schichtet und Lehmerde darüber verstreicht, deren Oberfläche er durch ein vorsichtiges Feuer aushärtet. Darüber richtet er dann Riedgräser zu einem Zelt-ähnlichen Regen- und Sonnenschutz, in dem er nun bis zu drei Wochen hausen wird. Er wird sich von seinem Sack Maismehl und Fischen ernähren. Bei seiner Rückkehr wird er vielleicht 60 kg getrockneten Fisch, zumeist Brassen, mitbringen, die er in großen, verzurrten Bündeln stapelt. Nun stehen ihm zwei Wege offen: Er kann den Fisch einem Zwischenhändler abtreten oder selbst zu den Absatzmärkten nach Luanshya und Kitwe befördern (was ihm mehr als den doppelten Verdienst einbringen würde).”

Diese Schilderung trifft immer noch weitgehend ins Schwarze. Manchmal sind es Familienverbände, wo drei oder vier Männer gemeinsam ihre Grasinsel bauen und zum Fischen gehen, während männliche Angehörige mit dem Fahrradferntransport in den Copperbelt oder dem Ochsenwagentransport zum nächstgelegenen Umschlagplatz, an dem Trucks und Busse halten, beschäftigt sind. Dabei werden immense Mengen transportiert. Auf dem gleichen Wege, wie Trocken- und Frischfisch die Insel verlassen, gelangen gefragte Güter, allem voran das in den Dörfern gebraute Bier Munkoyo, zu den Menschen von Chilwa Island. Alles in allem ein faszinierender Kleinhandel mit gewaltigen Ausmaßen.

Chilwa3Wir entdecken noch ein Verbot aus Tradition...
Während wir im Dorf von den Frauen befragt und den Kindern angestarrt wurden, lernten wir den Chef des Gesundheitspostens selbst kennen. Ihm gelang es innerhalb einer Stunde, einen Einbaum zu organisieren, mit dem Manfred die Fischer besuchen konnte. Für mich galt jedoch das traditionelle Frauenverbot für die Lukanga Swamps, wie wir erfuhren. Demnach ist es Frauen seit Menschengedenken verboten, die Sümpfe zu betreten. Natürlich gibt es eine Ausnahme, nämlich die Sondererlaubnis des “Chairman of the Fisheries”, die aber nur gewährt wird, wenn das Leben eines Fischers ernstlich in Gefahr ist. Dann darf ihn seine Frau mit Medizin oder Lebensmitteln für höchstens 4 oder 5 Stunden in den Sümpfen besuchen. Auf keine Fall über Nacht! Ich sei natürlich ein Ausnahmefall und sicherlich würde ich als weiße Frau auch ohne einem Ehemann in Lebensgefahr die 4 Stunden Sondererlaubnis erhalten. Aber dazu müsse man den Sachverhalt erst einmal dem Chairman of the Fisheries darlegen, und der war zur Zeit gar nicht in Chilwa. Mit ein paar Tagen Geduld hätte sich das vielleicht arrangieren lassen. So aber brach Manfred allein auf. Er galt jetzt als der Schützling des Gesundheitschefs und durfte erst in den Einbaum steigen, nachdem er sich eine dicke Schicht Sonnencreme im Gesicht verteilt und eine Kiste als Sitzgelegenheit eingepackt hatte. Ein Mitarbeiter des Health Centres stakte den Einbaum dann lautlos durch die schmalen Kanäle.

Kaum waren die Männer weg, verloren die Kinder jegliche Scheu. Ich hatte meinen Stuhl an die Schattenseite des Autos gelehnt und den kleinen Hafen direkt im Blickfeld. Doch aus dem “Szenerie genießen” sollte nichts werden. Rund 25 Kinder unterschiedlichen Alters, von denen kaum eines Englisch sprach, stritten sich die nächsten Stunden um die besten Plätze mit Körperkontakt zur fremden weißen Frau. Vier oder fünf turnten ständig auf meinem Stuhl herum, dazwischen griffen vorsichtige Hände nach meinem Haar oder strichen Kinderfinger über meine helle Haut. Die Erwachsenen schimpften die Kinder von Zeit zu Zeit, und auch mir gelang es manchmal, sie zum gemeinsamen Auf-dem-Boden-Sitzen zu bewegen. Doch sobald der oder die erste sich bewegte, stürmten sie alle wieder auf mich. So wenig Scheu habe ich bei Kindern selten erlebt. Nach einer Weile holte ich ein mit Fotos und Werbebildern bespicktes Nachrichtenmagazin aus dem Auto. Das fesselte ihre Aufmerksamkeit. Gemeinsam blätterten wir langsam Seite für Seite durch und ich lauschte den hitzigen kindlichen Diskussionen in unbekannter Sprache, die dieses Magazin aus dem Europa des 21. Jh. auslöste.

Einmal kam ein großer, schlanker Mann und stellte sich mir vor. Er kaufte einer Frau Erdnüsse ab und verteilte sie an die Kinder. Das ermöglichte uns ein kurzes Gespräch, in dem ich erfuhr, dass mein Gegenüber ein Regierungsbeauftragter aus Kabwe sei, der eine Statistik über den drastischen Einbruch der Fischfangquote in den Lukanga Swamps erstellen solle. Am Tag zuvor war er angekommen, und hatte gehofft, “bis in drei Tagen wieder zurück in der Zivilisation” zu sein. Doch leider schien das Regierungsanliegen auch nicht mit der Tradition vereinbar, und so untersagte ihm der Headman erst einmal, seine Arbeit zu beginnen. Der Statistiker äußerte dennoch Verständnis für die Menschen, die nur so reagieren würden, weil sie rückständig und ohne Zugang zur Bildung lebten. Er schien zuversichtlich, den Headman vom Wert seiner Arbeit noch überzeugen zu können. Wir wissen nicht, ob es ihm gelungen ist.

Der Nachmittag mit den Kindern verging schließlich in Windeseile, und ich registrierte gerade, dass sich der Hafen allmählich leerte und dass lange Schatten fielen, da kam der Einbaum mit dem Sonnencreme-verschmierten Muzungu auf der umgestülpten Kiste wieder zum Vorschein. Lassen wir Manfred erzählen, was er gesehen hat.

 

Manfred besucht die Sumpffischer

Die beiden Männer von der Health Station waren sehr besorgt um mein Wohlbefinden. Als Muzungu bräuchte ich mindestens dick aufgetragene Sonnencreme und Moskitoschutz für den späten Nachmittag, anders seien die Plagegeister für Weiße nicht zu ertragen. Ein Kissen oder eine Kiste als Sitz für das Kanu wurde mir ebenfalls ans Herz gelegt. Die Kiste erwies sich tatsächlich als sehr praktisch, da es sich um ein breites Komfort-Kanu handelte. Da saß ich nun in diesem breiten Kanu wie ein Entdecker vor 100 Jahren und ließ mich transportieren. Mit Staken ging es erst nicht. Der arme Bootsführer musste die Hose hochkrempeln und in das Wasser-Schlammgemisch steigen zum Schieben. Bereits nach wenigen Metern waren wir in einem schmalen Kanal, umsäumt von hohem Schilf. Fischer kamen uns entgegen. Sehr wortkarge Gesellen, die mich ignorierten und meinen Begleiter mit maximal einem kurzen Gruß bedachten. Wir kamen gut voran in dem schmalen Kanal, der gerade Platz hatte für zwei Kanus nebeneinander. Das Schilf lichtete sich und wir erreichten den Suye See. Ich dachte, jetzt kommt endlich das Paddel zum Einsatz. Aber weit gefehlt. Auch hier betrug die Wassertiefe gerade einmal 80 cm. Schönes klares Wasser. Möchte man meinen! Tatsächlich birgt dieses Wasser große gesundheitliche Gefahren. Auch jetzt war wieder einmal Cholera ausgebrochen. Und dies ist leicht verständlich. Der Lukanga Swamp wird durch den Lukanga Fluss gespeist, der aber in der Trockenzeit wenig Wasser führt. Eine Entwässerung findet in der Trockenzeit praktisch nicht statt. Der Wasserstand verringert sich nur über die Verdunstung. Und so bleibt ein flacher, fast runder Sumpf mit ca. 50 km Durchmesser in dem mehrere Tausend Menschen leben. So ist hier auch nicht die Malaria das größte Gesundheitsproblem, sondern Durchfallerkrankungen bis hin zur Cholera.

Kaum hatten wir den offenen See erreicht (derzeitige offene Fläche ca. 2,5 x 1 km), nahmen wir auch schon Kurs auf eine der kleinen künstlichen Grasinseln. Mein Begleiter kannte die dort lebenden drei Brüder und wir wurden freudig empfangen. Da stand ich endlich auf einer diesen ominösen “Floating Islands”! Ich hatte es mir anders vorgestellt. Eben als eine Insel, die schwimmt. Tatsächlich bewegt sich diese Insel nicht von der Stelle. Es wird einfach in einem Schilfbereich soviel Schilf aufgeschichtet bis man darauf stehen kann und sogar eine Unterkunft Platz hat.

Man sinkt bei jedem Schritt ein wie auf weichem Moos. Die Hütten sind relativ groß und stabil, immerhin leben die Männer von Ende April bis November auf ihrer Insel. Es riecht intensiv nach Fisch. Fahrradfelgen werden mit Draht bespannt und dienen als Trockengestelle. Die Feuerstelle ist in einer Hütte. In der Hütte wurde ein Teil des Bodens mit Lehm abgedeckt damit sie sich mit dem Feuer nicht ihre eigene Insel abfackeln. Das Feuerholz muss mit den Booten extra in die Sümpfe transportiert werden. Die Felgen mit dem Fisch werden in mehreren Lagen übereinander gestapelt und geräuchert.

Es scheint in den Sümpfen keine festgelegten Regeln zu geben. Jeder baut seine Hütte wo er will und jeder fischt, wo immer er mag. So lautete zumindest die Aussage meines Führers. Die langweile Kost aus Fisch und Maisbrei wird gelegentlich durch einen Vogel aufgebessert. Sie wissen genau, welche Vögel schmecken und welche die Mühe nicht wert seien. Gleichzeitig schwärmen die Männer aber auch vom morgendlichen Vogelkonzert.
Zügig traten wir die Rückfahrt an, um noch vor der abendlichen Moskitoinvasion wieder auf Chilwa zu sein. Ich war zwar nur 1,5 Kilometer in die Swamps vorgedrungen, hatte aber gesehen, was ich sehen wollte. Ich hätte noch über 35 km weiter mit dem Kanu fahren können. Es besteht die Möglichkeit, über den Lake Suye und Lake Chiposhya sowie einem weiteren langen Schilfkanal bis Lukanga am Ostufer der Swamps zu paddeln und staken.

Zum Abschluss wollten die Männer noch fotografiert werden. Wegen der Enge auf der Insel und dem Sonnenstand begleiteten sie uns extra noch mit ihren Booten, um mir ein schönes Abschiedsfoto zu ermöglichen.

Der Besuch von Chilwa Island wurde für uns beide vermutlich auch gerade deshalb zum außergewöhnlichen Erlebnis, weil wir viele sehr abgelegene Landstriche Sambias kennen und deutlichst wahrnehmen konnten, wie zurückgezogen und traditionellen Werten folgend die Sumpffischer von Chilwa Island leben. Chief Mukubwe ist hier die allerhöchste Instanz. Ob er sein Volk schützt oder ihm das Leben erschwert, können wir nicht bewerten.

Die Geschichte von den Munkoyo-Steinmännchen der Lamba

Doch was hat es mit den “Steinmännchen der Lamba” auf sich?
Nördlich der Lukanga Swamps, in dem riesigen Gebiet zwischen Kafue River, Kapiri Mposhi und dem Copperbelt, leben die Lamba. Nachdem wir schon mal in der Gegend waren, wollten wir uns auch hier ein wenig umsehen. Vor allem der Luswishi River, ein Zufluss in den Kafue, hatte es uns angetan. Wir nahmen also den Ponton bei Machiya und wechselten auf das Westufer des Kafue, wo sich ein spärlich besiedeltes Waldgebiet erstreckt. Obwohl unter dem Namen Lunga-Luswishi Game Management Area als Wildschutzgebiet ausgewiesen, haben die Jäger und Wilderer hier voll zugeschlagen. Wir konnten nicht einmal Fährten und Losung entdecken, obwohl so viel Platz da wäre. Am malerischen Luswishi River mussten wir umkehren, denn der alte Ponton aus der Kolonialzeit wurde schon vor Jahrzehnten abmontiert. Nur der Fahrdamm und ein paar Stahlpfeiler erinnern an bessere Straßenverbindungen.

Munkoyo6

Dafür machten wir an diesem Tag eine andere Entdeckung. Immer wieder fielen uns kleine, aufeinander geschichtete Steinmännchen auf, die vor vielen Lehmhütten am Straßenrand aufgestellt wurden. Ab und zu lagen die Steine aber auch achtlos nebeneinander. Wir achteten nun während der Fahrt darauf und stellten fest, dass fast vor nahezu jeder dritten Hütte solche Steinmännchen standen – oder lagen. Noch etwas war seit dem Vortag unübersehbar: Von jung bis alt scheinen alle dem Alkohol sehr zugetan. Wir sahen nicht nur Angeheiterte und Betrunkene, sondern immer wieder auch einzelne, die dem Delirium näher als der Wachzustand schienen. Schließlich hielten wir in einem Dorf an und fragten nach den geheimnisvollen Steinmännchen. So erfuhren wir, dass es sich um das Symbol für frisch gebrautes Munkoyo handelt. Dieses dickflüssige, leicht bröckelige Bier besteht aus Mais, Wasser und bestimmten Baumrinden und Fasern, die zur Gärung benötigt werden. Die Steinmännchen der Lamba sind quasi das sambische Pendant zur “Buschen- oder Straußenschänke” und dem “Heurigen”! Jede Hütte, vor der ein solches Steinmännchen aufgestellt ist, lädt den Reisenden zur zünftigen Einkehr. Ist das Bier verbraucht, legen die Bierbrauer – übrigens sind das immer Frauen – die Steine wieder nebeneinander. Etwas weiter südlich, in der Gegend um Mukubwe und Chipepo, werden die Steinmännchen der Lamba ersetzt durch umgestülpte Eimer, auf denen die ausgekochten Faserbündel liegen.

                 ENDE!

 

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