Bild_Layout_oben

Willkommen beim Ilona Hupe Verlag

Der Spezialist für Afrika und Oman

Blue Lagoon und die Irrfahrt durch die Kafue Flats -
auf den Spuren von Dr. Emil Holub
Ein Reisebericht von Ilona Hupe

November im Jahre 2003. Zu dritt in zwei Allradfahrzeugen wollen wir einen weißen Fleck auf unserer persönlichen Zambia-Karte erkunden,
die nördlichen Kafue Flats zwischen Blue Lagoon und Namwala.
Eigentlich hatten wir nur nach einer interessanten Alternativroute zur ereignislosen Asphaltstrecke von Lusaka nach Livingstone gesucht.
Gefunden haben wir eine faszinierende Route mit starkem historischem Bezug – vier Tage ohne Teer und weiße Gesichter.

Wir starten an einem sonnigen Morgen entlang der Makeni Road, die südlich von Lusaka von der Kafue Road abzweigt. Nach 9 km endet der Teer an der Makeni Police Station. Wir gleiten über breiten Schotter durch ausgedehntes Farmland. Einzelne Fächerpalmen, da und dort ein Baobab, die Strecke verliert beständig an Höhe. Nach 30 km zwingen zahlreiche “Bumper” zum Abbremsen und respektvollen Passieren der gigantisch großen “Christian Vision”- Farm. Scheint ein modernes Missionsprojekt nach amerikanischem Vorbild zu sein: fast 5000 Ha Fläche, Bibelschule, eigene Radiostation, Farmbetrieb – die schmucke, abgeriegelte Anlage ist uns fast unheimlich. 10 km weiter die erste nennenswerte Ortschaft. Nampundwe hat nicht nur eine Schule zu bieten, sondern eine zwar unbedeutende, aber auffällig schöne Baobabgruppe und wenig später die viel bedeutsamere Konkola Copper Mine. Zwischen den Abraumhalden der Mine geht es auf guter Piste auf eine T-Kreuzung zu. Hier müssen wir uns links halten. Nun wird es deutlich einsamer und richtig ländlich. Wir fahren durch eine unbewohnte Dornbuschsavanne. Unser KM-Stand zeigt 107, als wir das Schild zum Blue Lagoon Nationalpark erreichen. Ziel Nr. 1 liegt nun links von uns – gespannt biegen wir ein, um zu erkunden, was sich in diesem kleinen Park getan hat.

Kafue Flats
Kafue Flats Detail Map

 

Im Blue Lagoon Nationalpark

Nach 1 km stehen wir vor dem kleinen Häuschen der NP-Scouts. Dieses Eintrittsgate sollte eigentlich besetzt sein, um den Parkzutritt nur unbewaffneten Menschen zu erlauben, die auch ihren Obolus entrichtet haben. Doch weit und breit ist niemand zu sehen und es lässt nichts darauf schließen, dass überhaupt jemand hier wohnt. Später werden wir erfahren, dass die Scouts den Platz schon lange wegen des Wassermangels verlassen haben.

6 km weiter, wir befinden uns zu diesem Zeitpunkt noch immer in Dorngestrüpp, tauchen vor uns einige Gebäude auf. Rechts ganz eindeutig ein Farmhaus im kolonialen Stil. Links davon drei eigenwillig aussehende weiße Chalets. Dazwischen hohe Bäume. Kaum halten wir, heißt uns für sambische Verhältnisse recht professionell ein salopp gekleideter Zambier Willkommen. Webster hat hier die Position des Camp Managers und man merkt ihm seine Erleichterung an, endlich mal wieder Besucher begrüßen zu können. Wir stellen uns rasch vor, er scheint geübt im Umgang mit weißen Touristen. Als wir ihm erklären, nicht in seinen Chalets wohnen zu wollen, sondern nach Fakten zu forschen, um den Park künftig deutschsprachigen Touristen besser vorstellen zu können, freut er sich, fragt aber sorgenvoll, ob er uns dafür bezahlen müsse. Natürlich nicht. Webster ist erleichtert und versichert uns, alle erdenklichen Infos zu geben und in jeder Weise behilflich zu sein. Später werden wir erkennen, wie ernst er das meinte, als er uns quer durch den Park leitet, um all‘ die Plätze zu besuchen, an denen in irgendwelchen fernen Zeiten vielleicht mal so was wie Campingplätze entstehen sollen... Zunächst aber erzählt er uns allerlei über die Schwierigkeiten seines Arbeitgebers, der Company Real Africa Safaris, hier etwas auf die Beine zu stellen und dem verkorksten Ruf des Parks als Paradies für Wilderer entgegen zu treten. Es ist in diesem Jahr auch wirklich einiges geschehen, aber momentan scheint ein Stillstand zu herrschen, vielleicht aus Geldnot, vielleicht durch die einsetzende Regenzeit.

Blue Lagoon FarmhouseWährend uns Webster in das alte Farmhaus führt (links) und anschließend die Touristenchalets zeigt (unten), kommt mir die Geschichte dieser Farm in den Sinn.

Zur Kolonialzeit betrieben hier die Eheleute Critchley eine “Barotse Cattle Farm”. Ziemlich isoliert in der dünn besiedelten Ila-Region entwickelten die beiden eine starke Liebe zur Natur und Tierwelt der Kafue-Schwemmgebiete. Zu Zeiten, als man den enormen Reichtum der Lechwe-Antilopen noch sorgenfrei als unerschöpflich erachtete, erkannt Critchley bereits die Gefahren. Der Rinderfarmer stieg auf gemischte Tierhaltung mit Wildtieren und Rindern um und gewährte damit den Wildtieren ein sicheres Rückzugsgebiet. Denn entlang des gesamten Kafue-Flutgebietes, beiderseits des Stromes, wurden die Tiere immer effektiver – da mit Schusswaffen – gejagt. Critchleys Farm und die fast gegenüber liegende Lochinvar Farm bildeten in den 1950er und 1960er Jahren bereits die einzigen Schutzzonen.

BungalowsDie Farm lag im Vegetationsstreifen zwischen Dornbuschsavanne und Dauersümpfen. Um die Vogel- und Tierwelt an den Lagunen nachhaltiger zu schützen, verbot er den Ila, auf seinem Land zum Jagen und Fischen zu gehen. Dafür ließ er in den Dörfern Brunnen errichten. Für seine Frau, eine begeisterte Ornithologin, baute Critchley einen Causeway, einen Fahrdamm, direkt zu den Sümpfen.

Den Critchleys wurde neben der Liebe zur Natur auch viel Sympathie für ihr Land und die Menschen nachgesagt. Sie befreundeten sich mit dem jungen Kenneth Kaunda. Nach ihres Gatten Tod blieb Mrs. Critchley allein auf der einsamen Farm zurück. Sie erlebte die Unabhängigkeit Zambias und hatte großen Respekt vor dem Präsidenten Kaunda. Nach ihrem Tod vermachte sie die Farm dem jungen Staat, um sie zum Nationalpark erklären zu lassen.

Ich betrete nach dem Dining Room, der sich an die Veranda anschließt, das ehemalige Arbeitszimmer der Critchleys. Ein Schreibtisch, alte Bücher, an der Wand verblichene Fotos. Eines zeigt das Farmerpaar im hohen Alter vor dem Haus. Eine handschriftliche Widmung steht darunter: Kenneth Kaundas tiefe Zuneigung zu den beiden.

Ich glaube dennoch, die Critchleys hätten sich im Grabe umgedreht, wüssten sie, wie Zambia mit ihrem Vermächtnis umgegangen ist. Das Militär bemächtigte sich 1976 der Farm. Nationalpark hin oder her – die Soldaten wollten ein eigenes Jagdgebiet und da lag Blue Lagoon einfach praktisch. 20 Jahre lang blieb Blue Lagoon No-Go-Area. Hier tobten sich schießwütige Soldaten aus und feierten ranghohe Offiziere Parties im alten Farmhaus. Weil der Platz nicht reichte, errichtete man drei einfache weiße Steinbauten für die Soldaten.

Der Rundgang durch das alte Haus wird kurz: Bisher sind erst zwei Räume wieder original renoviert worden. Die Küche ist eine Rumpelkammer mit uralten Öfen. Das Dach darüber ist brüchig. Von den Schlafgemächern sehen wir nur die schimmeligen Tapeten und verfallene Bettgestelle. Hier wartet noch viel Arbeit. Wir verlassen das Farmhaus, in dem so viele Erinnerungen greifbar scheinen und den Besucher selbst an sonnigen, heißen Nachmittagen nachdenklich stimmen. Vor uns liegen die “Militärbaracken”. Man hat sie praktisch übernommen, einer Totalrenovierung und einem Face-Lifting unterzogen, neue Safari-Lodge-Rieddächer darüber gesetzt und für ein ansprechendes Interieur gesorgt. Fertig sind die neuen Touristenbungalows. Sie sind ok. Und kennt man ihre Geschichte, erklärt sich auch der eigentümliche Stil. Webster ruft einen alten Mann herbei, er sei der Caretaker und schon sein ganzes Leben auf der Farm. Englisch spricht er leider nicht. Aber der freundliche Greis ist stolz auf seine Bungalows, die in diesem Jahr für 35 US$ pro Person angeboten werden. Mit Selbstversorgung, die Küchenbenützung ist frei und der Caretaker kocht auch gerne für die Gäste.

Zwischen den Bungalows und der alten Farm bieten alte, hohe Bäume – die mag wohl Mr. Critchley gepflanzt haben – viel Schatten. Hier, so erläutert Webster, dürfen Campinggäste ihre Zelte und Fahrzeuge aufstellen.

FahrdammWir sind neugierig auf den berühmten Causeway zur Lagune. Webster will mitfahren. Gleich südlich des Farmgebäudes beginnt die offene Grasebene. Wir fahren quer über den Airstrip, an den sich sofort der Fahrdamm anschließt. Kerzengerade geht es über die Schwemmlandebene dahin, in der nun tatsächlich grasende Lechwe-Herden und allerlei Vögel, wie Kraniche und Störche, auftauchen. Nach 6,5 km endet der Damm an einem Wendeplatz mit Aussichtsplattform. Die ist baufällig und lässt sich nicht mehr besteigen. Vor uns dehnen sich frisches Sumpfgras und Lagunen aus. Das ist besser als erwartet. Zur richtigen Jahreszeit wird das ein traumhaftes Fleckchen sein. Die Wildtiere und Vögel zeigen keinerlei Unsicherheit oder Panik. Die beiden Jahre, die Real Africa Safaris im Park aktiv ist, haben ein Menge gebracht. Webster ist richtig stolz. Der große Nachteil unseres Besuchs in dieser Jahreszeit: es bläst ein strammer Sturm aus Nordost, keiner kann sich hier ungeschützt lange aufhalten.

Auf der Rückfahrt erzählt Webster, am 20.08.2003 habe ein “Aerial Animal Counting” stattgefunden. 180 000 Lechwe seien erfasst worden, 50 Zebras, 40 Büffel und 30 Crested Cranes. Ferner seien Pythonschlangen sehr zahlreich und für den Hobby-Ornithologen gäbe es den endemischen Chaplin’s Barbet.

lechweZurück am Farmhaus will Webster uns unbedingt noch den restlichen Park zeigen und mehrere Plätze ansteuern, wie eine steinerne Ridge, auf der später vielleicht einmal Camping angeboten werden soll, eine Felsmalerei etc. Es müsse aber unbedingt der alte Caretaker mitfahren, denn nur dieser kenne die Wege. Also fahren beide mit. Nun geht es rund 20 km kurvenreich in langsamem Tempo durch Dickicht. Von den offenen Flutebenen keine Spur. Entsprechend sind auch keinerlei Wildtiere zu sehen. Immer wieder kreuzen wir ausgetretene Fußwege, die Webster nur mit dem Wort “Poacher Trail” (Wildererpfad) quittiert. Dann tauchen doch Tiere auf: Rinder. Illegal zum Weiden in den Nationalpark getrieben. Die Piste wird immer schlechter, die Hitze steigt, wir werden ungeduldig. Dann stehen wir mit einemmal am Rande der Flats neben ein paar verfallenen Häusern. Wir sind nahe der Westgrenze des Parks. Diese ehemaligen Farmarbeiterhäuser sollen vielleicht zu einem Campingplatz und Tented Camp umgestaltet werden. Der Blick ist schön, aber durch die vielen Wilderer und die angrenzende GMA sind weit und breit keinerlei Tiere mehr zu sehen. Warum sollten sich hier dann Touristen einquartieren? Wir sprechen lange mit Webster über das unfertige touristische Konzept, das wegen der hohen Kosten und geringen Erfolgschancen womöglich nie seinen Planungszustand verlassen wird. Er möchte unsere ehrliche Einschätzung hören und wir empfehlen ihm, den Zentralbereich beim Farmhaus und an der Causeway auszubauen. Camping evtl. auch an der Lagune am Ende der Causeway anzubieten, aber unbedingt einen Windschutz zu errichten. Dieser Bereich hat durchaus Potenzial und bereits jetzt wieder viele zutrauliche Wildtiere. Eine zambische Tageszeitung schätzte erst vor wenigen Tagen den Blue Lagoon als besten Spot Zambias für Birdwatcher ein. Wir können es uns vorstellen.

Wir verlassen den kleinen Park auf einer Piste am Westrand. Unterwegs passieren wir ein verlassenes Scoutcamp. Dem Scout begegnen wir später mit seiner Frau zusammen auf einem Fahrrad. Sehr ernst nimmt hier wohl keiner mehr den Job des Wildhüters.

Die Irrfahrt

Nach längerer Pause im Schatten am Straßenrand geht es weiter nach Westen. Hinter dem Park beginnen sofort wieder Dörfer mit kleinen Rinderherden, Brunnen und Fußballplätzen. In Muchabi Village gabelt sich die Piste nach links. Dann wird die Waldlandschaft menschenleer bis nach 22 km Namukumbu Village auftaucht. Die Straße ist derzeit passabel, scheint aber nach heftigen Regenfällen vollkommen unpassierbar zu werden. Mittels unserer Karten und dem GPS erwarten wir eine Abzweigung nach Südwesten, die wir nach 15 km im kleinen Weiler Mwunga fast übersehen. Vor der Dorfkneipe lässt sich so etwas wie eine Minispur ausmachen. Wir fragen nach. Minutenlang kennt niemand die Stadt Namwala, wo der Asphaltanschluss nach Süden beginnt. Namwala, die größte Stadt in den Kafue Flats mit der gleichnamigen Motorfähre über den Kafue? Dass niemand Namwala kennt oder nur ganz vage Vorstellungen davon hat, macht uns stutzig. Statt dessen fällt der Name “Chief Nyambos Palace”. Die Menschen in Zambia haben allgemein ein ausgeprägtes geographisches Wissen und reisen viel. Hier aber wundern sich alle, dass wir nach einer Kafuefähre nach Namwala fragen. Aber sie werden sich rasch einig, denn einer der Männer erinnert sich, in Richtung der Fähre zu wohnen. Ja, dort zwischen den Hütten, da gehe es lang.

KafueFlats1Dorfszene1KafueFlats2

Wir biegen erwartungsvoll nach Süden ab, denn endlich wollen wir wieder die Flats erreichen, anstatt durch Dornbuschwälder zu fahren. Wir haben Not, die “Straße” zu finden, die zunächst über die dörflichen Vorgärten und an kleinen Feldern vorbeizieht. Überall Staunen, gelegentlich freundliches Winken. Die Dörfer sind urig, sehr autark, die Hütten meist in traditioneller Lehmbauweise errichtet. Wir rumpeln nun im ersten und zweiten Gang dahin. Was wir da befahren, ist mehr ein Fahrradweg als eine Autostrecke. Und nun beginnen auch wieder die Ausläufer der Kafue Flats. Die Bäume weichen zurück, stehen nur noch da und dort einzeln im Wind. Zugleich tauchen immer mehr Termitenhügel mit einer eigenartig breiten, flachen Form auf. Schließlich hat uns die Grasebene mit Termitenhügeln umringt. Jetzt sind wir völlig allein. Weit in der Ferne ist eine Baumreihe auszumachen. Irgendwo sieht man zwei Menschen gegen den Wind laufen. Die Sonne ist in einer düsteren Dunstschicht verschwunden, was der Umgebung einen abweisenden, unheimlichen Farbton verleiht. Wir müssen die Fenster schließen, so streng und frisch bläst der Sturm. Es sieht aus, als braue sich ein Unwetter zusammen.
 

26 km fahren wir so in die anbrechende Nacht hinein. Wo sollen wir bei diesem frischen Sturm und diesen Bodenunebenheiten nur Campieren? Keiner hat Lust, das Auto zu verlassen. Also weiter, auf die ferne Baumreihe zu. Die erreichen wir im letzten Tageslicht und erspähen dahinter eine Wasserfläche. Eine Lagune? Einen Nebenarm des Kafue? Erst viel später wird uns klar, dass dies der Kafue selbst ist und unsere Karten mal wieder recht ungenau sind.

Schlafplatz
An seinem Ufer stoßen wir auf eine T-Kreuzung und ein sehr kleines Fischerdorf. Die einfachen Menschen winken freundlich, sprechen aber kein Englisch. Sie bezeichnen ihren Wohnort als “Chowi” und nach Osten läge wohl noch ein Fischercamp. Nach Westen geht es zum Dorf von Chief Nyambo. Aha. Das ist auf den Karten, da wollen wir ungefähr hin. Dass wir uns irgendwo in der Pampa verfahren haben und viel zu weit direkt nach Süden abgedriftet sind, ist inzwischen klar. Also wenden wir uns nach Westen. Es geht nun direkt am Flussufer entlang und nach 2 km entdecken wir eine zum Wildcampen wie geschaffene flache Stelle direkt vor dem Kafue-Steilufer. Der Platz erweist sich als Traum-Campingplatz. Die Autos geben genug Windschatten für uns und das Kochfeuer. Der Fluss glitzert im prallen Mondschein. Im Hintergrund liegt ein Dorf. Wir erkennen noch ein paar Fußgänger, aber niemand besucht uns. Dafür feiern sie ein Fest und singen, tanzen und trommeln bis tief in die Nacht. Als dann auch der Sturm nachlässt und die Spaghetti duftend köcheln, sind wir sehr zufrieden mit diesem Tag.


Auf Emil Holubs Spuren

Der neue Tag kündigt sich mit dramatischen Wolken über dem Kafue an. Imposant reißt die aufgehende Sonne die Wolkenbänder auseinander. Jürgen, der leidenschaftliche Fotograf, ist in seinem Element und die nächste Zeit nicht ansprechbar. Nach dem Frühstück tauchen ein paar Gestalten aus dem Dorf auf. Zwei Männer und drei der älteren Jungs. Schüchterne Begrüßung. Kein Englisch. Mit unserem zambischen Wörterbuch, das einfache Worthilfen für mehrere lokale Sprachen bietet, versuchen wir eine Konversation auf Chi-Tonga. Außer Lachen wenig Resonanz. Viel besser wird dagegen gegenseitig die Zeichensprache verstanden und mit vielen “aah”s, “ooh”s und “eeeh”s kommentiert. “Tourist” ist ein Begriff, den sie intern kurz ausdiskutieren und dann zufrieden nicken. Wir machen noch einen Versuch mit den Si-Lozi-Hilfen unseres Dictionary. Das klappt besser, und plötzlich stammelt ein Jugendlicher doch zwei, drei englische Ausdrücke. Gelächter, jeder amüsiert sich. Dann wissen unsere Besucher anscheinend genug von uns und wollen sich verabschieden. Wir haben noch eine deutsche Hobbyangel im Auto, die ein Freund in Zambia verschenken wollte. Die wollen wir ihnen mitgeben für ihren Headman. Wir erkennen schnell, wie dumm diese Idee ist, als die Männer das Objekt ungläubig anstarren und es schließlich für ein Handy halten. Es gelingt uns nicht, das Handling der Angel zu erklären und dann kommt uns ob dieser bizarren Situation endlich auch in den Sinn, dass wir hier Menschen vor uns haben, die seit Generationen vom Fischfang leben – und ganz sicher nicht unsere deutsche Hobbyangel brauchen! Also packen wir die Angel erst mal wieder ein und lassen dafür Brot und Orangen im Dorf, das wir wenig später besuchen. Dafür wird uns noch mal vorgetrommelt.

Anschließend irren wir wieder herum. Einzige visuelle Orientierung ist der Fluss, an dessen Nordufer wir uns noch die nächsten 10 km halten. Das GPS-Gerät kann wegen der eklatanten Kartenungenauigkeit nur als Kompass genutzt werden. Wo wir uns anhand der Satellitennavigation befinden, sind auf der Karte keine Wege verzeichnet. Und auch nicht der Kafue.

Aber wir wissen, dass wir hier historischen Boden betreten. Zuhause haben wir ein altes Buch mit den Aufzeichnungen des Afrikaforschers Dr. Emil Holub. Seine eindringliche Beschreibung der Irrwege durch die Kafue Flats, der Haltung der Ila und schließlich des Überfalls auf die Expedition haben wir genau studiert:

Emil Holub

In den Jahren 1883 bis 1887 befindet sich eine “Österreichisch-Ungarische Expedition” unter Dr. Emil Holub, Arzt und vielseitig interessierter Naturforscher aus Prag, auf Forschungsreise im Südlichen Afrika. Holub, seine männlichen Begleiter aus Tschechien, Ungarn und Österreich, und seine junge Ehefrau wollen als erste Europäer die bislang völlig unerforschten Schwemmgebiete des Kafue durchqueren. Ein mutiges Unterfangen, gelten das Land doch als unzugänglich sumpfig und seine Bewohner als “grausam und teuflisch”. Die kleine Gruppe aus Europa glaubt sich auf das Schlimmste vorbereitet, ohne zu ahnen, dass alles noch viel fürchterlicher kommen wird. Holubs Expedition wird als die erste und einzige in die Geschichte eingehen, die auf dem Gebiet des heutigen Zambia einem organisierten Überfall zum Opfer fällt, der einem Mitglied das Leben kostet, zum totalen Verlust aller mitgeführten Waren, gesammelten Exponate und Aufzeichnungen führt, und die Überlebenden in heilloser Flucht aus dem Lande treibt.

 

Kafue Flats, Zambia

Die Fahrt entlang des Kafue ist ein einziger Genuss. Viel erinnert uns in den kleinen Dörfern an die Lozi in den Barotse Plains. Die Familiengehöfte wirken völlig autark. Ein paar Rinder, ein Ziehschlitten, Küchengerät auf Holzgestellen, zwei, drei Strohhütten, ein Einbaum, ein Fischernetz und Trockengestelle für den Fang. Wir fragen mehrmals, welcher Volksgruppe sie angehören. Mal sind es Ila, dann Tonga oder Lozi. Offensichtlich sind sie ethnisch stark vermischt.

 

Mashukulumbwe oder Maschukulumbe ist eine Lozi-Bezeichnung für die Ila, welche übersetzt “Those who brush their Hair” bedeutet und damit Bezug nimmt auf den extremen Kopfschmuck der jungen Ila-Krieger. Es handelte sich um eine rund einen Meter lange, konisch zulaufende Haartracht, in der mit Hilfe von Wachs und Tonerde das Horn einer Pferdeantilope auf dem Kopf des Kriegers verankert wurde. Die Prozedur, einen solchen Kopfschmuck anzufertigen, galt als äußerst schmerzhaft und langwierig, das Tragen im Alltag als höchst unbequem. Doch es schmückte die Männer imposant und neben dem Rinderbesitz war eine prächtige “Isusu” der größte Stolz junger Männer. Der Ursprung dieser merkwürdigen Mode ist nicht bekannt; vielleicht stimmt ja die Theorie, nach der die Ila solch riesige Trachten trugen, um sich gegenseitig im hohen Elefantengras bei Jagden und Kämpfen besser sehen zu können. Auf alle Fälle verstärkte die Haartracht die Ängste anderer Völker vor den wilden, fremdartigen Ila.

Maschukulumbe / Ila / Zambia

Von der Ila-Kopftracht gibt es nur noch zeitgenössische Beschreibungen und Zeichnungen. Kein Mensch trägt heute noch so etwas. Die Leute winken uns zur Begrüßung zu, niemand starrt uns nach, obwohl wir hier mit unseren Fahrzeugen eine kleine Sensation darstellen müssen. Das alles wirkt so entrückt, abgelegen und weltfremd, als wären die Menschen von der Gegenwart des 21. Jh. abgeschnitten.

 

 

Südufer Kafue Flats, Ende Juli 1886: Die Expeditionsmannschaft hat die ersten Ila-Dörfer erreicht und steckt schon mitten in den Schwierigkeiten, noch ehe sie an den Kafue gelangt und ans Nordufer übersetzen kann. Die angeheuerten Träger weigern sich, noch weiter nordwärts zu reisen, bestehlen die Gruppe, drohen offen mit Rebellion und gieren nach den zahlreichen Säcken und Kisten voller Munition, Glasperlen, Stoffen etc., das den Reisenden bis Ostafrika als Handelsware dienen soll. Nur unter Mühen findet Holub ein paar Männer, die bereit sind, gegen gute Entlohnung die Gruppe bis an den Fluss zu führen und die Waren Holubs am 26.07.1886 über den Kafue überzusetzen. Verabschiedet werden die Europäer dort mit den Worten “Wir Ila vom Südufer sind schlechte Leute. Ich verstehe eigentlich gar nicht, warum ihr noch nicht getötet worden seid. Aber wir sind Antilopen im Vergleich zu den Ila vom Nordufer. Diese sind Hyänen, die auch uns nicht verschonen, wenn sie unser habhaft werden. Ihr müsst schnell durch das Land der Ila ziehen, sonst ist euer Tod unvermeidlich”.

Dann knickt die schmale Wegspur nach Norden ab, gerade als wir die Hoffnung haben, nun bis zur Namwala-Fähre diesem malerischen Ufer folgen zu können. Doch schon sind wir wieder allein in der Grasebene, allein mit all‘ den ungezählten Termitenhügeln.

Kafue Flats

In Holubs Aufzeichnungen finden sich Bemerkungen, wie erschrocken er sei, dass die Ila-Chiefs so wenig Respekt bei ihren Untertanen genießen. Er schreibt, von allen Völkern Afrikas habe er nur hier so eine schwache Position der Chiefs erlebt. Interessanterweise gibt es ganz ähnliche Bemerkungen von F. Fraser Darling, einem Naturwissenschaftler, der 1956/57 im Auftrag der britischen Kolonialmacht Forschungsreisen durch die Kolonie unternimmt. Er schreibt, die Ila veranstalten traditionelle Massentreibjagden auf die Lechwe-Antilopen. Diese “Chilas” sind die reinsten Horrorszenarien, wenn Hunderte Männer mit ebenso vielen Hunden und zahlreichen Ochsenkarren die wehrlosen, verängstigten Tiere hetzen und abschlachten. Dazu nützen sie riesige Buschbrände, die strategisch gelegt werden. Einer dieser Chilas im Jahr 1957 fielen 1993 Tiere zum Opfer, unter denen 64% trächtig waren. Trächtige Tiere lassen sich leichter abschlachten als kräftige “Bullen”. Die Kolonialverwaltung beobachtete dieses Massentöten mit Schrecken und versuchte, die Ila vom drohenden völligen Ausrotten der Antilopen abzuhalten. Doch die Situation geriet “völlig außer Kontrolle”, weil die Ila aggressiv reagierten und sogar ihre Chiefs, wenn sie die Treibjagden verbieten wollten, verhöhnten und in einem Fall öffentlich verprügelten. So ließ sich schließlich kein Wildlife-Scout mehr im Ila-Land blicken.

Antilopen und Zebras dürften schon lange nicht mehr über diese Ebene ziehen. Da waren die Jäger gründlich. Eigentlich sollten die gesamten Kafue Flats zwischen dem Kafue NP und den Nationalparks Lochinvar und Blue Lagoon einen Korridor für die wandernden Wildtiere bilden. Faktisch kommt der Versuch einer Lechwe-Antilope, diesen Korridor ohne zumindest dem Schutz der Nacht zu durchwandern, einem Selbstmordkommando gleich.

 

”Der Überfall”

Holubs Ziel sind die Franz-Josefs-Berge, die im Norden schwach sichtbar sind und das Ende des Ila-Gebietes bilden. Die Träger weigern sich, die Berge direkt anzusteuern, weil dort das Dorf des Chief Nyambo bzw. Njambo läge. Es sei das gefährlichste der Ila-Dörfer, dem Chief eile bis an die Viktoriafälle der Ruf eines grausamen Tyrannen voraus.

Neuen Forschungen zufolge liegt das Dorf Nyambo noch immer praktisch an der selben Stelle wie 1886.

Wo sind hier Berge, die Holub nach seinem Kaiser benannt haben könnte? Ja, tatsächlich, nordwestlich erhebt sich eine schwache Hügelkette. Das müssen sie wohl sein.

Obwohl die Gruppe versucht, Nyambos Dorf östlich zu umgehen, landen sie dennoch bald in abweisenden Ansiedlungen. Ihr Marsch führt durch hohes Elefantengras, in dem die Träger ein Leichtes haben, unbemerkt mit ihrer Last zu fliehen. So verringern sich permanent die Expeditionsbestände. Vor einem Dorf wird mehrere Tage lang gelagert, weil Holub neue Träger finden muss. Ihr Lager ist von bewaffneten, drohenden Soldaten mit dem typischen Kopfschmuck umringt, die Holub “Giganten” nennt. Holub beschreibt, wie viele Lechwe-Antilopen er sieht, und dass die Lechwejagd die Haupteinnahmequelle der Ila sei. Lechwefelle seien heiß begehrt bei den Nachbarvölkern. Er beschreibt, wie die Krieger zu einer Treibjagd rüsten, aber die Antilopen rechtzeitig fliehen, und dass er froh sei, das Gemetzel nicht mit ansehen zu müssen.

Holub glaubt zu erkennen, dass ihn die Dorfbewohner anlügen und in die Irre führen wollen. Er traut ihnen nicht.
Als die Frauen keine Milch und Trockenfische mehr anbieten, glaubt er, das Dorf wolle sie aushungern. Träger findet er hier keine, die Auseinandersetzungen werden immer bedrohlicher für die Europäer. Deshalb wendet sich Holub nun doch an Chief Nyambos Dorf und lässt sein Lager mit dessen Träger dorthin verlagern.

Kafue Flats & VillageVor uns liegt ein Dorf. Das weiße viereckige Gebäude auf der linken Seite muss eine Schule sein. Also ein wichtiges Dorf: Nyambo. Wir halten in der Dorfmitte. Hier lacht uns niemand an, wir werden stumm beobachtet. Von rechts scheint ein Weg einzumünden, nach links geht es auch weiter. Ein Mann schlendert heran: Er kenne uns, wir hätten doch gestern in Mwunga nach dem Weg nach Namwala gefragt. Ja, er hätte uns den Weg beschrieben, aber wieso seien wir jetzt plötzlich hier? “Ihr seid falsch gefahren! Die Piste geht doch von Mwunga direkt zu Chief Nyambos Palace!”

Holub hofft auf eine Wendung zum Besseren, doch schon der Empfang zerschmettert jede Hoffnung. Vor dem Dorfeingang stecken auf kahlen Büschen die blanken Schädel Erschlagener. Chief Muwezwa Njambo empfängt ihn, verhöhnt ihn aber zugleich, fordert unzählige Geschenke und revanchiert sich mit einem Kübel Milch, den Holub für vergiftet hält. Holub bittet immer verzweifelter um Träger, will so rasch als möglich aus diesem gefährlichen Gebiet. Die nahen Franz-Josef-Berge scheinen ihm die Rettung, er glaubt dort freundliche Völker und sogar einen Portugiesen zu finden.

Heute heißen diese Berge Bulala Hills und östlich davon Mwako Hills und Cholobete Hills. Sie bilden eine lange Range, nicht sehr hoch aber in dieser Ebene doch markant. Der Nansenga Stream durchbricht die Hills in einer schmalen Schlucht und bildet auf seinem Weg zum Kafue einen tiefen Sumpf.

Als Holub erkennt, dass ihn der Chief zum Narren hält, bricht er allein mit seiner Frau und einem Begleiter auf, um Hilfe und Träger bei den Franz-Josef-Bergen zu finden. Er spekuliert richtig – Chief Njambo ist so verblüfft, dass er nun doch Träger schickt, ehe ihm womöglich das gute Geschäft entgeht. Während Holub in den Nansenga-Sumpf gerät und sich unter größten Schwierigkeiten mitten durch die Sümpfe quält, brechen seine Begleiter mit den Trägern auf. Die beiden Gruppen werden beim Dorf Lulonga wieder zusammentreffen, allerdings sind sie an diesem Tag den größten Teil ihres Gepäcks verlustig geworden. Chief Njambos Träger sind zum großen Teil einfach im Dickicht verschwunden oder haben die Waren heimlich ausgepackt und die Säcke mit Stroh gefüllt. Erst im Lager erkennen die Männer, wie wertlos das Gepäck geworden ist.

Dass der aktuelle Chief Nyambo eine Chiefness ist, erfahren wir auch noch. Und dann erklärt er uns im Tone eines gutmütigen Onkels, der ein paar Begriffsstutzige vor sich hat, wie einfach es jetzt bis zur Namwala-Fähre sei: Seht ihr da vorne die weiße Schule? Dort geht es aus dem Dorf raus und einfach immer geradeaus – bis zur Fähre. Die Straße sei “very much ok” und wir wären in weniger als einer Stunde an der Fähre, ganz bestimmt. Ein Blick auf das GPS-Gerät, wo die Luftlinienentfernung zur Fähre mit 45 km angezeigt wird, lässt uns zumindest über diesen Punkt zweifeln. Aber wir danken artig und machen uns auf den Weg. An der Schule vorbei aus dem Dorf, das ist klar. Aber schon bald stutzen wir über die Himmelsrichtung: wir fahren NNO, also quasi auf die verdammten Holub-Berge zu und nicht in Richtung Namwala! Sollen wir umkehren? Ob es noch einen anderen Weg aus dem Dorf gibt, den wir übersehen haben? Fragen wir einfach den nächsten Vorbeikommenden.

Kommt aber keiner. Der Buschwald bleibt menschenleer bis zum nächsten Dorf nach 4 km. Und hier sind nur Frauen und Kinder anwesend, die zwar neugierig zusammenlaufen, aber nicht ein einziges Wort verstehen. Zu allem Überdruss scheinen auch noch alle Spuren in diesem Frauendorf zu enden. Mit unserer Landkarte können wir nichts anfangen. Wo stecken wir bloß schon wieder? Ein einziger Name ist den Frauen ein Begriff: “Nansenga”. Da passiert der nächste Irrtum. In unserer Karte bezeichnet Nansenga eine Ortschaft auf der Strecke nach Namwala, folglich in unserer gewünschten Richtung. Also lassen wir uns den Weg nach Nansenga deuten. Die Frauen sind lange uneins, ehe sie uns mit ausgestreckten Armen die Richtung – weiter zu den Bergen – deuten. Da führt wirklich nur ein Fußweg lang. Ungläubig vergewissern wir uns mehrfach. Fahren ein paar Meter, die Frauen laufen mit uns mit und weisen immer wieder in die Richtung. Bei soviel Zuspruch wollen wir nicht kneifen und versuchen uns auf dem Radlweg. Vielleicht war‘s ja mal eine richtige Straße.

Für uns wird die Strecke aber immer fürchterlicher und holpriger. Plötzlich wechseln sich Tiefsand und nasser Schlamm ab und wir stecken mitten in einem Sumpf. Jetzt können wir auch nicht mehr wenden. Fluchend geht es im Schritttempo weiter, bis wir mit den Bäumen auch wieder festen Boden erreichen und wenig später ein paar Hütten und Rinder inmitten von Fächerpalmen sehen (zurück in Deutschland rekonstruieren wir anhand besserer Detailkarten, dass dies Lulonga ist). Jetzt wird uns auch klar, dass die Frauen mit Nansenga wohl den gleichnamigen Sumpf bzw. Fluss meinten und nicht ein Dorf in Richtung Namwala.

Vor Lulonga verschanzt sich die Mannschaft hinter einem notdürftigen Wall aus den Resten ihres Gepäcks. Man trägt ihnen zu, dreihundert Soldaten seien von Njambo auf dem Weg nach Lulonga, ein Überfall sei für die nächsten Tage geplant. In der Nacht wagen Holub, seine Frau und der Österreicher Leeb den Ausbruch. Unbemerkt verlassen sie das Lager in Richtung der Berge, wo Holub immer noch Hilfe vermutet. Dabei irren die drei stundenlang durch den Nansenga-Sumpf, anstatt weiter östlich auf trockenem Boden rasch Strecke zu machen. Die Zurückgeblieben sollen so lange wie möglich eine Entdeckung des Ausbruchs verhindern.

15 km nach Verlassen des Frauendorfes treffen wir auf eine breite Erdstraße und biegen links ein. Es geht mit flotter Fahrt an der “Nansenga Chief Muwezwa School” vorbei und endet wenig später mit einer Vollbremsung.
Nansenga Swamp
Eine abenteuerlich Brücke aus Stahlstreben verbindet die beiden steilen Ufer des Nansenga. Einsturzgefahr besteht nicht, aber die ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit, die Reifen auf den blanken Streben und Bolzen aufzuschlitzen. Wir machen erst mal eine schöpferische Pause und dokumentieren das Stahlgerüst fotografisch. Währenddessen bevölkert sich die Brücke mit vier kleinen Schulkindern und einer älteren Frau, die ihr mit Säcken beladenes Fahrrad über die Brücke schiebt. Sie spricht uns an. What’s the problem? Ob es eine Umfahrung gibt, eine Furt? Nein, das gibt es nicht. Alle Autos fahren direkt über die Brücke. Just go! Schon ist sie weg, und nur die Kinder staunen uns weiter mit ihren großen runden Augen an. Manfred macht sich unterdessen allein auf zur Erkundung der Umgebung. Und hat den richtigen Instinkt. Freilich gibt es die Furt, sie ist nur nicht einsehbar von der Brücke. Sie ist einfach zu befahren und hat viele Spuren – da scheint wohl (fast) kein Auto die Brücke zu nehmen...

Völlig entkräftet gelangen die drei nach Nzovu und erkennen wenig später die Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Holub wird erst jetzt bewusst, dass es den Portugiesen gar nicht gibt und bei den Bergen noch lange keine freundlich gesinnten Mankoja-Dörfer liegen. Und ihm wird klar, in welcher Gefahr er seine Gefährten zurück gelassen hat. Panikartig befiehlt er eilig die Umkehr.

Dieses Nzovu lag offensichtlich ein wenig südöstlich der Stahlstrebenbrücke. Und während wir über Dornbuschsavanne unterwegs waren, hat sich Holub damals im Bett des Nansenga vorwärts gekämpft.

Seine Befürchtungen bestätigen sich – während ihrer Abwesenheit haben die Ila das Camp überfallen. Der Österreicher Oswald ist tödlich verwundet, das Camp geplündert, die Überlebenden haben nur ihre Kleider am Leib und ihre Waffen retten können. Nun beginnt eine stundenlange Flucht – im Laufschritt querfeldein, nur stets nach Süden, in Richtung des Kafue. Die Speer-schwingenden Ila mit den Schusswaffen in Schach haltend, gelingt es ihnen tatsächlich, nachts das Kafue-Ufer zu erreichen. Sie wagen nicht, sich Ruhe zu gönnen. Es muss jemand durch den Krokodil-verseuchten Fluss schwimmen, um ein Kanu zu holen. Es gelingt, die Fliehenden retten sich ans Südufer, und von dort unter großen Anstrengungen ins sichere Tongaland.

Von nun an passt auch die Himmelsrichtung. Der GPS-Pfeil zeigt exakt geradeaus für die direkte Linie nach Namwala. Nach viel Zickzack sind wir endlich auf der Zielgeraden. Die Berge verschwinden hinter uns. Wir denken an Holub und an die Frauen im Dorf und die Fahrradfahrerin, die uns anscheinend falsche Angaben machten, uns vermeintlich in die Irre schickten, hier am Nansengasumpf. Vieles sind wohl Kommunikationsprobleme. Es bleibt aber auch die Verwunderung darüber, dass den Menschen, die hier so abgelegen leben, eine Stadt wie Namwala und die einzige Fähre über den breiten Kafue so unwichtig erscheinen, dass sie beides nicht kennen.

Die Strecke bleibt unbesiedelt und ist ziemlich stark zugewachsen. 18 km nach der Brücke mündet von links die Piste von Chief Nyambos Palace & School ein. Nochmals 14 km später durchqueren wir die Streusiedlung Banamwaze. Sie breitet sich zwischen urigen Euphorbien aus. Nun setzt Akaziengestrüpp ein, das uns bis zur Motorfähre nach 18 km begleitet. Erst in der Nähe des Kafue tauchen wieder mehr Dörfer auf. Die Fähre liegt still an unserem Ufer. Zeitgleich mit uns erscheint ein weißer Pick-up, der auch übersetzen möchte. Die Szenerie ist malerisch. Bedächtig bringen die Bootsleute die Fähre in Position, die drei Fahrzeuge werden der Reihe nach eingewiesen, derweil gleiten zwei Einbäume an uns vorüber. Im hohen Schilfgras stehen reglos Reiher, ein Riesenfischer ist mit seiner – erfolglosen – Jagd beschäftigt. Ich sehe einen Nilwaran vorübergleiten und ins Uferdickicht flüchten. Aber auch die Kinder am Ufer haben ihn bemerkt und es setzt eine Schreierei ein, Steine fliegen in seine Richtung. Ich kann nicht sehen, ob er entkommen ist.

Kafue River Ferry, NamwalaLaute Männerstimmen entreißen meine Gedanken den Beobachtungen. Auf der Fähre ist eine hitzige Debatte entbrannt. Wir sollen wegen der deutschen Autokennzeichen jeweils 10 US$ bezahlen, das zambische Fahrzeug einen Bruchteil dessen in lokaler Währung. Der Streit entsteht, weil Manfred den Betrag in Kwacha bezahlen will, nicht mit US$-Noten. Seit 2002 verlangt die zambische Gesetzgebung, dass alle Gebühren im Land in lokaler Währung – Kwacha – ausgewiesen werden müssen. Der Fährmann ist also verpflichtet, den Betrag in Kwacha zu fordern und anzunehmen. Davon hat er hier draußen am Kafue aber noch nichts gehört. Es geht eine ganze Weile unentschieden hin und her, bis sich auf dem südlichen Kafueufer drei Fahrzeuge ansammeln und schließlich mit Hupen und Winken ihren Unmut äußern. Währenddessen schlachten die Männer auf der Ladefläche des Pick-ups eine Kuh. Eine Blutlache bildet sich auf der Fähre. Diese setzt sich in Gang, ohne dass eine Einigung gefunden ist. Am Südufer blockieren wir weiterhin die Fähre, denn der Kassierer will stur auf Dollarnoten beharren. Manfred verlangt seinerseits den Namen des Fährmanns, wenn er die Annahme von Kwacha verweigert. Den will er auf keinen Fall nennen. Es zeigt sich, dass eines der Fahrzeuge am Südufer ein Regierungsfahrzeug und mit vier sehr kompetent wirkenden, gut gekleideten Männern besetzt ist. Sie mischen sich ein, lassen sich die Debatte erklären und geben Manfred recht. Der Fährmann sei verpflichtet, Kwacha anzunehmen, und dürfe im Dienst auch nicht verweigern, seinen Namen zu nennen, erklären sie ihm. Auf diese Weise zahlen wir schließlich mit unseren Kwacha – ohne Namen des Fährmanns - und verlassen die Fähre. Wir mutmaßen, dass es wohl noch keinem Ausländer vorher gelungen ist, hier mit Kwacha zu bezahlen.

Kafue Flats, OchsenwagenEin 10 km langer erhöhter Fahrdamm entlang des Kafue führt uns nun in die Stadt Namwala. Sie hat wahrlich nicht viel zu bieten. Keinen Supermarkt, keine Tankstelle. Aber eine neue Asphaltstraße nach Choma, über deren Sinn oder Unsinn schon viele gerätselt haben. Wir haben mit unserer Irrfahrt durch die Schwemmgebiete so viel Sprit verfahren, dass wir sicherheitshalber einen 20 l Kanister von den “Petrol-Guys” am Marktplatz in den Tank kippen lassen. Dann geht es weiter nach Westen, nun entlang des südlichen Kafueufers. Ab dem Ortsende wieder spärliche Sandspuren. Für uns ist diese Strecke bekanntes Terrain. Wir haben sie als eine der schönsten Routen des Landes in Erinnerung. Graspfannen, kleine Fächerpalmen und Mini-Dörfer wechseln einander ab. Umfriedete Brunnen, Rinder, Ochsenkarren und Zugschlitten sind prägende Eindrücke. In der Ferne vermischt sich die Ebene mit dem Kafue. Die Fahrspuren trennen sich und laufen wieder zusammen. Am Vegetationsrand im Süden stehen teilweise hohe, schattige Bäume. Irgendwo 25 km westlich von Namwala lassen wir uns neben der Piste nieder.

Andauernder fröhlicher Gesang und Trommeln am späten Nachmittag – das ist nicht alltäglich. Manfred und Jürgen wollen sich das ansehen, während ich das Abendessen vorbereite. Die beiden kehren erst im Dunkeln zurück, denn sie geraten unmittelbar in die Einweihungsfeier einer “Health Post”, eines Gesundheitspostens.

Das ausgelassene Fest nähert sich bereits seinem Ende, die Feiernden dem Vollrausch. Ihr Besuch löst noch einmal einen Höhepunkt aus. Sie werden auf die VIP-Plätze neben dem Chief geleitet und der Nyau-Tänzer, der sich schon zurückgezogen hatte, wieder zum Tanzen geholt. Er tanzt dann auch ein wenig unwillig, aber alle sind begeistert. Erst recht, als Jürgen die Filmkamera einsetzt. Dann müssen sie die Health Post bewundern. Es ist nur ein Raum mit Tisch und zwei Nebenkammern, in denen Männer und Frauen untersucht werden können. Ansonsten existiert keinerlei weiteres Interieur.

Nach dieser Nacht führt uns unser Weg weiter durch herrlich dörfliche Gegenden, an der verfallenen Nanzhila Mission und dem dortigen Chief’s Palace vorbei in die Wildgebiete am Nanzhila. Anschließend durch den südlichen Teil des Kafue Nationalparks und durch die Sichifulo GMA nach Mulobezi. Im Mopanewald erleben wir eine gewittrige Regennacht und am nächsten Morgen tolle Schlammschlachten in der berüchtigten “Black Cotton Soil”. Es geht an Jagdcamps vorbei auf spannenden Pisten, die ein Einheimischer mit “Even Trucks and Ministers use this road” tituliert, bis nach Kazungula am Sambesi.

Natürlich hätten wir dieses Ziel von Lusaka aus auch in einer einfachen Tagestour erreichen können. Aber die vier Tage nur auf Pisten bis hierher haben viel mehr Spaß gemacht. Und darüber hinaus haben wir in all den Tagen nur ein einziges “Musungu-Gesicht” gesehen.

 

Impressum
Ilona Hupe Verlag, Ilona Hupe, Volkartstr. 2,
80634 München, Deutschland
Tel. +49-89-16783783 Fax 1684474, Email info@hupeverlag.de
Ust-IdNr: DE 179348838