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Willkommen beim Ilona Hupe Verlag

Der Spezialist für Afrika und Oman


 15 000 km für eine Autoüberführung:
Von München über die Salzburger Autobahn nach Lusaka

Ein Reisebericht von Ilona Hupe

Eine Autofahrt via Türkei, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien, Sudan, Äthiopien und Ostafrika
nach Zambia im Frühjahr 2005

2 Männer, 2 Frauen, 2 Hunde
ein Mitsubishi Pajero und ein VW Syncro

Südäthiopien

Ein Start im Schneeregen: Von München bis zum Roten Meer
Bei unserer Abreise aus München am 09.April hatte es frisch geschneit und eisiger Dauerregen begleitete uns durch ganz Österreich. Bei einem netten Heurigenwirt in der Steiermark feierten wir das Treffen mit Sonja und Marc, unseren mitreisenden Freunden aus Westfalen (unterwegs mit Ridgeback-Hündin Kimba im Pajero-Geländewagen). Tags drauf‘ wärmten wir uns in Ungarns heißen Thermalbecken auf, denn es ging noch tagelang bei frostigen Temperaturen weiter. Rumänien durchquerten wir in drei Tagen und fanden dort im Banat und der Walachei die idyllischsten Dörfer bis Äthiopien (auch dieser Rumänienbesuch hat uns wieder begeistert). Bei der Ausreise über den Grenzfluss Donau mussten wir einen Umweg von 300 km fahren, um die einzige Donaubrücke zu erreichen, weil das Hochwasser nach tagelangem Regen die Fähren stilllegte. Dann quer durch Bulgarien, über die chaotische bulgarisch-türkische Autoput-Grenze, im Verkehrschaos Istanbuls den Bosporus überquert und zügig weiter nach Ankara. Ab jetzt sollten Minarette und frühmorgendliche Muezzin-Gesänge für viele Wochen unser Alltag werden.Türkei

In den Tuffsteinlandschaften Kappadokiens legten wir ein Sightseeing-Programm ein, um die Felsenkirchen zu besichtigen. Bei endlich frühlingshaftem Wetter gelangten wir nach Südostanatolien. Auf den Pässen des Taurusgebirges lag noch Schnee, doch in den Niederungen erwartete uns der Sommer. Die Türkei ist an Gastfreundlichkeit wohl kaum zu überbieten. Wo immer wir nun auftauchten, tankten oder einkauften, wurde uns sofort mit unaufdringlicher Liebenswürdigkeit Tee gereicht. Rückblickend schwärmen wir auch immer noch von den vielen kulinarischen Köstlichkeiten – eindeutig die beste Küche unserer Reise! Mit der Überquerung des Euphrat hatten wir spürbar den Orient erreicht und konnten uns kaum von den faszinierenden Basaren losreißen. Ganz besondere Erinnerungen haben wir an die historische Stadt Sanli Urfa und ihren großen Souk, wo unsere Route nach Süden in den Nahen Osten abbog. Hier hätten wir alle viel Lust gehabt, einfach immer weiter hinein nach Ostanatolien zu reisen...

Statt dessen standen wir Stunden später am türkisch-syrischen Grenzposten: die einzigen Ausländer, die einzigen Fahrzeuge, überhaupt die einzigen Grenzgänger. Ein Glücksfall für gelangweilte Grenzer! Die Formalitäten zogen sich über fast drei Stunden hin und erinnerten mich an die Atmosphäre beim deutsch-tschechoslowakischen Grenzwechsel in den 1980er Jahren... dem türkischen Zoll gebührt das Privileg, als einziger unser Auto gefilzt zu haben (bei insgesamt zehn Grenzwechseln). Die Syrer interessierten sich dagegen vorrangig für unsere Digitalkamera und die beiden Hunde, zumal Nino angeblich einen syrischen Namensvetter hatte, wie sich der Zollbeamte begeisterte. Ansonsten amüsierten sich alle über das Kopftuch-Foto in meinem Pass auf der Seite mit dem Visum für Saudi-Arabien – aber ich war ja schon seit Ungarn gewöhnt, dass dieses Bild zur Erheiterung von Immigrationsbeamten beiträgt. Zuletzt trug die syrische Polizei unsere Personalien in mehrere ganz wichtige und sehr dicke Bücher ein und gab die Daten zudem noch per Telefon irgendwohin durch. Nach ein paar höflichen Fragen über Olli Kahn und Jürgens Klinsmann wünschten uns die durchgehend schwarz Uniformierten schließlich einen guten Aufenthalt. Dann standen wir also in Syrien, konnten die arabischen Ortsschilder nicht mehr entziffern und tankten erst Mal für 5 Euro die Tanks voll.

Unsere erste syrische Nacht verbrachten wir direkt am Ufer des türkisfarbenen Euphrat. Dem grünen Flusslauf folgten wir anderntags in Richtung Irak, ehe eine Asphaltstraße in Dayr az Zor durch die syrische Wüste nach Palmyra abknickt. Am Wegesrand malerische Szenen: Tief verschleierte Frauen auf den Feldern, junge Mädchen in bunten Trachten auf Eseln reitend, Beduinen mit Schafherden, Traktorfahrer mit schwungvoll zum Turban trapierten “Arafat”-Tüchern, eckige Lehmbauten und bunt bemalte Lastwagen. Wir tauchten ein in eine faszinierende, fremde Welt.

PalmyraPalmyra! Klar war unsere Erwartungshaltung groß, aber die römische Ruinenstadt inmitten der Wüste hat uns schlicht geplättet. Die Ausmaße dieser Anlage sprengen alles, was ich in Italien oder Griechenland bisher besichtigt habe. Dazu die fast unglaublichen Begleitumstände: ein Hotel direkt an den alten Steinen, auf dem man campen darf. Die größte Sehenswürdigkeit Syriens nicht umzäunt und frei zugänglich zu jeder Tages- und Nachtzeit. Fast Vollmond. Und wir vier, die nachmittags, nachts und frühmorgens ganz allein zwischen den Tempeln und im 1,3 km langen Säulengang wandelten. Ein gigantisches Areal voller römischer Säulen und Gemäuer umrahmt von kahlen Wüstenbergen. Sowas kann man nicht mehr steigern.

Von den Römern übersprangen wir fast eineinhalb Jahrtausende zu den abendländischen Kreuzritterburgen nahe dem Mittelmeer. Danach ein Abstecher in die frühchristliche Geschichte bei den Klöstern von Maalula. Nach so viel Programm gönnten wir uns in Damaskus drei Tage Verschnaufpause. Die war natürlich nicht allein zum Ausruhen gedacht: Der Pajero bekam zur Verstärkung eine zusätzliche Blattfeder verpasst, unser Syncro ZAMBULLY neue Stoßdämpfer, die “Perle des Orients” wollte besichtigt und das Nationalmuseum besucht werden. Während dieser Tage tauchten auf dem beschaulichen Campingplatz gleichzeitig die roten Doppelbusse von Rotel-Tours auf und 14 deutsche Luxus-Wohnmobile unter der Leitung von Perestroika-Tours. Plötzlich tummelten sich etwa 70 Germanen neben uns.

PetraUnser nächstes Ziel hieß Jordanien. Nirgendwo sollten wir sonst so häufig das Wort “Welcome” hören wie in Jordanien. Es gibt eine Menge Polizei-Check-Points im Land, aber stets folgte der Passkontrolle ein freundliches “Welcome”. Jordanien wirkte weniger orientalisch als Syrien, verblüffte uns dafür durch seine starken landschaftlichen Kontraste. Die bewaldeten Gebirgs-Nationalparks Dibben und Dana stehen im krassen Gegensatz zur glühend heißen Mondlandschaft am Toten Meer. Unser kulturelles Highlight: Petra, die Felsenstadt der Nabatäer. Weil wir schon morgens um sechs in die Schlucht wanderten, durften wir die grandiose Kulisse ohne Touristenströme genießen.

Dana NP, JordanienBis Aqaba, Jordaniens Hafenstadt am Roten Meer, hatten sich unsere Hunde klimatisch sehr wohl gefühlt. Nun aber befanden wir uns auf Meereshöhe in einer Wüste. Schwüle Nächte und knapp 40 Grad heiße Tage wurden zur unangenehmen Realität. Unsere Ventilatoren waren im Dauereinsatz, die wir zur Kühlung der Hunde eingebaut hatten. Unglücklicherweise hatten wir uns ausgerechnet einen Donnerstagabend für die Ankunft in Aqaba ausgesucht. Der entspricht dem islamischen Wochenende, und scheinbar gibt es für einen Jordanier nichts Schöneres, als das Wochenende am nur 20 km langen, landeseigenen Meeresstrand zu verbringen. Ohne Übertreibung: Die ganze Nacht hindurch drängten pausenlos Familienkutschen, Sammeltaxis und bis auf den letzten Platz gefüllte Reisebusse an den Strand. Aus den Fahrzeugen quollen Menschen mit Gepäck, Kind und Kegel, bauten Zelte auf oder legten Matratzen in den Sand, drehten Musikanlagen auf, gingen Schwimmen (voll bekleidet), begannen neben dem Auto zu kochen und palavernd Wasserpfeifen zu rauchen. Zwischendrin saßen wir im sog. “Beduinencamp von Mohammed”, bei 27 Grad, Moskitoplage und lärmender Beschallung aus allen Richtungen. In solchen Nächten wird der nächste Morgen zur Erlösung! Bei Tagesanbruch war der gesamte Strandbereich zugeparkt. Schwimmen war auch nicht angesagt, denn die wenigen badenden Frauen pflegten mit langen Gewändern plus Gesichtsschleier im seichten Wasser zu sitzen. Kaum vorstellbar, dass sich nur wenige Kilometer weiter im israelischen Elat Touristen und Einheimische in Badehose und Bikini in die Fluten stürzen.

Palmyra, Syria

1200 Kilometer durch das Reich der Ölscheichs: Quer durch Saudi-Arabien
Wir machten uns statt dessen lieber gleich auf die Socken und fuhren mit einer gewissen Spannung zur nahen saudischen Grenze. Sonja und ich hatten uns mit langen Tüchern die Haare verhüllt und auch sonst vollständig “verpackt”, um mit den strengen Regeln Saudi-Arabiens konform zu gehen. Im Vergleich zum mächtigen Grenzposten wirkte die allgemeine Stille und Ruhe bizarr. Wir waren hier echte Exoten, das bewiesen die verdeckten starren Blicke. Würden wir so streng gefilzt werden, wie einige Berichte im Internet beschrieben? An der Passkontrolle eröffnete der Beamte unseren Männern erst einmal, dass wir ein Transitvisum für Flugreisende hätten und keines für eine Landeinreise. Unsere Bedenken, hier doch noch an der Einreise in dieses abgeschottete, gottesfürchtige Saudi-Arabien zu scheitern, wuchsen. Aber der Beamte griff zum Telefon und bat seinen Vorgesetzten um eine Sondererlaubnis für uns, währenddessen sein Kollege schmackhafte saudische Mango-Creme-Schnitten an uns verteilte! Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal an einer Passkontrolle verköstigt worden zu sein. Wenige Minuten später übergab man uns freundlich die gestempelten Pässe. Länger dauerte dann der Abschluss der Fahrzeugversicherungen, bei dem ein des Englischen halbwegs mächtiger Zöllner bereitwillig dolmetschte. Während dieser Stunde passierten rund sechs saudische Fahrzeuge die Grenze. Jedesmal mussten die Fahrer den Wagen auf eine Grube fahren, woraufhin sich eine ganze Bataillon in Blaumännern gekleideter Bangladeshi daran machte, besagten Wagen detailliert in allen Varianten zu durchsuchen, wobei sie auch nicht scheuten, Innenverkleidungen abzureißen. Keines dieser Fahrzeuge hatte irgendwelche Ladung an Bord. Ich malte mir zum Zeitvertreib aus, wie viele Stunden eine solche Durchsuchung bei unseren bis an den Rand mit Lebensmitteln, Kleidung, Werkzeug etc. bepackten Fahrzeugen in Anspruch nehmen würde... Als wir jedoch mit Immigration und Versicherung durch waren, ließ der Zolldienstleiter beide Fahrzeuge lediglich pro Forma anschauen, ließ ein oder zwei Kisten herausheben, und schimpfte seine Monteure, sie sollten schnell wieder alles ordentlich zurück packen. Wir erfuhren ganz offensichtlich eine äußerst großzügige Sonderbehandlung.

Saudi-ArabienVor uns lagen 1200 Wüstenkilometer auf properen Asphaltstraßen bis in die Hafenstadt Jiddah. 1200 km durch ein Land, das die Hälfte seiner Bevölkerung wegsperrt. Saudi-Arabien, wie wir es erlebt haben, ist eine reine Männergesellschaft. Wir haben die Anzahl an Frauen, die wir in diesen Tagen in den Dörfern und Städten oder in anderen Fahrzeugen entdecken konnten, spielend mitzählen können. Bis Jiddah waren es zwölf. Zwölf bis zur völligen Unkenntlichkeit in schwarzen Stoffen verhüllte, anonyme menschliche Wesen. Auf dem Lande sah man praktisch ausschließlich stolze, schlanke, in eleganten weißen Ganzkörperkleidern gewandete Araber mit rot-weiß karierten Arabertüchern zum Turban gefaltet, und ihre Gastarbeiter, die dunkelhäutigen Südasiaten. Nur wenige Araber scheinen körperlicher Arbeit nachgehen zu müssen. Sie genießen sichtlich ihre Vormachtstellung als Ölscheichs und treiben bestenfalls im neuen Toyota Landcruiser die Kamelherde durch die Wüste. Alle körperlichen Arbeiten, alle Dienstleistungen, vollbringen die auffallend devoten Gastarbeiter aus Bangladesh und Pakistan. Kinder sieht man ebenso selten wie Frauen. Über dem Land liegt eine reichlich ernste, aber sehr höfliche Stimmung. Ungezwungenheit und Fröhlichkeit scheint selbst den Asiaten vergangen zu sein.

Erst in der Großstadt Jiddah, die nur eine Autostunde von der heiligen Stadt Mekka entfernt liegt, lockerte sich diese Atmosphäre. Hier durften auch Sonja und ich mit in den klimatisierten Supermarkt und beobachteten junge Frauen, deren Füße in Plateauschuhen steckten und rote, unter den schwarzen Hüllen hervor blitzende Fingernägel. Die Verschleierten beäugten uns genauso verstohlen und neugierig, wie wir sie.

Saudi-ArabienSaudi-ArabienSaudi-Arabien

Überhaupt sollten wir in den vier Tagen lernen, dass vieles, was uns zunächst wie eine abweisende, reservierte Haltung erschien, eher scheue Vorsicht und höfliche Zurückhaltung war. Sobald man Gelegenheit hatte oder gab, diese aufzubrechen, wurden die Kontakte dankbar vertieft. Und noch etwas haben die Araber tatsächlich praktiziert: ihr islamisches Gebot, einen Fremden als Ehrengast zu behandeln. Wir genossen wirklich stets einen VIP-Status, sobald wir mit Offiziellen, Beamten, Schiffsagenten oder anderen Arabern mit Rang und Stellung zu tun hatten.

Dennoch mussten wir in Jiddah einen Tag verlängern, weil wir uns aufgrund mangelhafter Informationen – schwierig, ohne Arabisch-Kenntnisse – erst nachmittags zum richtigen Agenten für die Schiffspassage nach Suakin im Sudan durchgefragt hatten. Für Autoverladungen müssen die Frachtdokumente aber Punkt zwölf Uhr mittags abgeschlossen sein, und so sahen wir missmutig zu, wie sich der Dampfer später mit Hunderten Passagieren füllte, und standen vor dem Problem, im riesigen, üppig illuminierten, nächtlichen Jiddah einen Schlafplatz finden zu müssen. Ein Zollbeamter führte uns schließlich an einen Strandabschnitt im Nobelvorort. Hier machten die Menschen die Nacht zum Tage und picknickten und angelten bei arabischen Klängen aus ihren tragbaren Radios. Uns blieb keine Alternative, als uns dazwischen zu stellen und die schwüle Nacht mit ein paar Flaschen saudi-arabischen Biers (“alkoholfreier Sprudel mit Malt-Geschmack”) auszusitzen.

Am nächsten Tag wurden die Fahrzeuge dem Zoll vorgeführt. Während Marc und Manfred dafür ungefähr für sechs Stunden verschwanden, bildeten Sonja und ich mit den beiden Hunden, den Hundetransportkisten und unserem Gepäck die Attraktion des Sudan-Terminals. Das verstohlene gegenseitige Beobachten brach zuerst der zwölfjährige Mohammed aus Khartum, der sich mit mir anfreundete und bestens über alle Sprachbarrieren hinweg unterhielt. Er brauchte seinen ganzen Mut, um sich den Hunden zu nähern und sie schließlich zu streicheln. Das war die Zündung für die Bangladeshi aus dem Kiosk im Passagier-Wartesaal. Nun wollten alle mal die Hunde begrüßen, uns zulächeln, Tee anbieten... Zwei dicke, an den Hand- und Fußinnenflächen wunderschön tätowierte Sudanesinnen, die im Gegensatz zu den saudischen Frauen ihre Gesichter, Hände und Füße zeigen dürfen, setzten sich zu uns und wollten möglichst viel über diese kuriosen Reisenden aus “German” wissen. Je länger wir zwischen den Menschen im Wartesaal saßen, um so größeres Wohlwollen schenkte man uns. Nach acht Stunden, beim Aufbruch zum Schiff, verabschiedeten uns viele mit Handschlag und Winken. Marc und Manfred genossen derweil die Gastfreundschaft der arabischen Zöllner.

Dschiddah, Saudi-ArabienDurchquerung09

An Bord der Barakat
Den weiteren Verlauf bis zum Bezug unserer klimatisierten First-Class-Kabinen auf der Barakat habe ich versucht, mir detailgetreu einzuprägen. Wir erlebten einen Service, wie ich ihn mir für Diplomaten vorstelle. Und das inmitten extrem malerischer Szenerie. Verschwitzte asiatische Träger, die sich gegenseitig stritten, weil alle unsere Hundekisten tragen wollten, wir aber nur vier Träger brauchten; sehr selbstgefällige arabische Aufseher, die Befehle brüllten; Hunderte verschleierte Pilger aus Mekka und sudanesische Gastarbeiter, die mit großen, verschnürten Gepäckbündeln gleichzeitig an die Passkontrollschalter drängelten; ein arabischer Beamter, der unseren bunten Haufen entdeckte, uns höflich mit leichter Verbeugung begrüßte und sofort einen anderen Raum öffnen ließ, in dem sich ebenso Passschalter und rund 15 Uniformierte befanden; wir als einzige in diesem riesigen Abfertigungsraum; alle Beamten neugierig und Fragen stellend – die Hunde, unser Reiseziel, ob wir wiederkommen würden, ob uns Saudi-Arabien gefallen hätte, und, und, und – kein einziger Blick in unser Gepäck, sondern zuvorkommendes Leiten nach draußen; dort ließ man einen Reisebus kommen mit Anhänger. Die Hunde hinten, wir vier ganz allein im Reisebus; die Beamten winkten uns nach, der Bus fuhr uns direkt zum Schiffsbauch. Dort saßen der Kapitän und der Schiffsarzt auf Stühlen im Schatten und stellten sich vor. Deutsche an Bord! Und auch noch mit original deutschen Hunden! Wir hatten längst unsere sauberen, kühlen Kabinen bezogen, als die Massen an Passagieren heran strömten und das Schiff übernahmen. Die Beladung dauerte Stunden. Am Schluss war die große Barakat auf allen Decks überfüllt. Wollte man ins Freie, musste man über all‘ die Körper steigen.

Am nächsten Vormittag erreichte die Barakat den Sudan. Stunden vorher drängten sich die Menschenmassen bereits zu einer wartenden Menge zusammen, die uns und alle Passagiere in Kabinen wie in einer Falle umschloss. Es ließ sich nicht mal mehr die Tür zum Treppengeschoss öffnen. Mit Kapitän und Stuart wurde beschlossen, dass wir mit unseren Hunden das Schiff zuletzt verlassen würden. Dafür durften wir den Aufzug benützen und wurden persönlich hinaus geleitet. Der Kapitän sorgte sich dann noch persönlich um das Wohl der Frauen und Hunde und wünschte allen eine gute Reise.

Von der Wüste auf das Dach Afrikas: Wir haben Sudan und Äthiopien erreichet!
Vier Stunden zog sich die Einreiseprozedur in den Sudan hin und kostete trotz unserer Visa nochmals 140 US$ pro Ehepaar. Als wir am späten Nachmittag endlich in die Freiheit entlassen wurden, interessierte uns auch nicht mehr, dass Suakin laut Reiseführer ein ehemaliges Piratennest sei und den Beinamen “Venedig des Roten Meeres” trägt. Wir wollten nur noch Höhe machen, um endlich wieder einmal eine kühle Nacht zu genießen. Über den Aqaba-Pass gelangt man schon bald in eine Bergwelt und wir nächtigten entspannt auf Tausend Höhenmetern.

SudanDer Sudan wurde für uns zum reinen Transitland. Die Strecke führte uns über Kassala und Gedaref zur äthiopischen Grenze. Drei Tage, in denen wir wenig erlebten, aber ausschließlich positive Erfahrungen mit den Menschen machten. Mitten in der Wüste verteilte ein Polizist farbige Broschüren zur Verkehrserziehung, die Mautstation bei Kassala verringerte für uns kurzerhand die Mautgebühr, “weil wir euch einen Gefallen tun wollen”, in Gedaref wollte mich ein Tankstellenbesitzer ziemlich unverhohlen heiraten, denn er suche “eine deutsche oder britische Frau, die Christin ist”. Wir hätten gerne mehr zeitlichen Spielraum gehabt, um den Sudan eingehender zu bereisen.

Der äthiopische Grenzort heißt Mateema und empfing uns mit zuvorkommenden Grenzbeamten, jede Menge Bier, westlich gekleideten Menschen und selbstbewussten, lachenden Frauen mit Silberkreuzen um den Hals – Anhängerinnen der äthiopischen orthodoxen Kirche.

Äthiopien sollte unser Hauptreiseziel werden und wir konnten uns knapp drei Wochen dort aufhalten. Damit wurden wir diesem faszinierend vielschichtigen Land bei Weitem nicht gerecht. Die Straßen sind im Hochland überwiegend sehr schlechte, harte Steinpisten und führen ständig bergauf und talabwärts. Die Höhenunterschiede sind gewaltig, man hält Äthiopiensich dort zwischen 3600 und 1400 m auf. Es geht unentwegt hinauf und wieder hinab, manchmal mit haarnadelscharfen Serpentinen. Zwei Dinge zeichnen also das Reisen im äthiopischen Hochland aus: man kommt nur sehr beschwerlich und langsam voran und man genießt fast pausenlos atemberaubende Ausblicke. Nach 24 afrikanischen Ländern, die wir bisher bereist haben, brachte uns Äthiopien immer wieder zum Staunen, so sehr unterscheidet es sich vom restlichen Kontinent. Da ist diese unglaublich strenge, abgeschottete christliche Kirche, die bis heute das Hochlandleben bestimmt. Da sind die architektonisch ungewöhnlichen Palastanlagen der Kaiserstadt Gondar, deren Herrscherdynastie sich auf eine direkte Abstammung von König Salomon und Königin Saba beruft.
Da ist das Land mit Klöstern übersät, in denen noch immer Priester die alttestamentarischen Schriften verbergen und die Landbevölkerung zu bis zu 250 Fastentagen im Jahr anhalten. Da tragen die Hochlandbauern Leinentrachten, Silberschmuck und pflügen mit hölzerner Pflugschar und Ochsen den kargen Steinboden. Wenn je der Ausdruck “Biblische Szenen” irgendwo passt, dann im äthiopischen Hochland. Äthiopien

Äthiopien

Bettelei und aufdringliches Verhalten waren im Hochland allerdings allgegenwärtig. Sobald man irgendwo anhielt, rannten alle Leute sofort los und bildeten Trauben um uns, hangelten an den Fenstern und Scheibenwischern, starrten uns an, riefen stets die beiden Ausdrücke “You! You!” und “Where are you go?”. Wir fühlten uns mitunter wie Zootiere oder wie Tanzbären auf einer Zirkusausstellung. Dabei waren die Menschen nicht aggressiv, es schien ihnen nur einfach nicht in den Sinn zu kommen, dass uns die enge Belagerung unangenehm sein könnte. Wir haben die meisten Situationen recht gut meistern können, indem wir viel mit den Leuten kommunizierten. Wenn man erst mal mit den Kindern amharisch von ein bis zehn zählen kann, und ihnen dann die Zahlen auf bayrisch vorspricht, sind bald alle konzentriert auf die gemeinsame Zählerei und die Stimmung ist gelöst. So haben wir auch mehr als die Hälfte unserer Nächte in Äthiopien erfolgreich irgendwo “wild campiert”.

Äthiopien, LalibelaÄthiopien: GondarUnsere Tage im Hochland, bei den Semien-Bergen, am Tana-See mit den Blue Nile Falls, bei den Felsenkirchen von Lalibela und den Palästen und Klöstern von Gondar waren also schon ein Abtauchen in eine sehr fremde Welt. Aber das sollte sich noch einmal steigern im Südwesten des Landes, in der Omo River Region. Nach einer Nacht auf einem kuriosen VW-Schrottplatz-Ambiente-Camping in Addis Abeba und einer weiteren am Langano-See des Rift Valleys waren wir vom Gebirgshochland in die ostafrikanische Steppe geraten. Wir wollten an den Omo River. Der Reiseführer schweigt sich praktisch aus über diese geheimnisvolle multi-ethnische Region. Aber unsere Bekannten Ulli und Günther (www.sbg.at/salzburg-kapstadt) hatten dieses Gebiet mehrfach bereist und uns mit den Worten verabschiedet: “Wenn ihr nur wenig Zeit habt in Äthiopien, dann lasst notfalls alles andere weg – vergesst das Hochland und die berühmten Stätten – fahrt dagegen an den Omo. Da müsst ihr einfach hin!!!”

Heute wissen wir, wie Recht die beiden damit hatten. Leider verhinderte die Regenzeit mit angeschwollenen Flüssen, überspülten Straßenabschnitten und verschlammten Wegpassagen, dass wir den Omo River erreicht hätten. Aber bis Jinka, nur 35 km vor dem Ziel, haben wir es geschafft. Die Strecke führt sowohl durch ein landschaftlich interessantes Gebiet, in dem sich Steppen, Gebirgstäler, Bergketten und ehemalige Vulkane befinden. Viel großartiger aber ist die Tatsache, dass hier auf engem Raum zahlreiche Volksgruppen leben, die nach wie vor ihre uralten Traditionen pflegen und kaum je Kontakt zur modernen Welt des 21. Jahrhunderts pflegen. Äthiopien: Hochzeit der BenaWir konnten auch als Laien rasch erkennen, wo eine Ethnie endete und wir auf eine andere Volksgruppe trafen. So eigenwillig sind Haartrachten, Kleidung, Schmuck, Narbenmuster oder Tätowierungen, ja selbst die Behausungen unterscheiden sich deutlich. Die Menschen kleiden sich teilweise in Naturstoffen, wie gegerbten Ziegenfellen. Die meisten Völker des äthiopischen Südwestens werden der kuschitischen Sprach- und Volksgruppe zugeordnet. In der Regel legen sie großen Wert auf ihre äußerliche Erscheinung und scheuen keine Unbequemlichkeit beim Tragen von unzähligen Perlenketten übereinander oder von schweren Eisenringen um Hals, Beine und Arme. Männer sind dabei sogar noch eitler als die Frauen. Kaum ein junger Mann ohne große Perlenohrringe! Patronengürtel sind ein wichtiges Schmuckelement des jungen Mannes, natürlich auch die Kalaschnikov, die beweist, dass er es zu etwas gebracht hat und die stets lässig über der Schulter getragen wird. Männer und Frauen tragen aufwändige Flechtfrisuren oder sind im Stil der Irokesen geschoren. Die Haare werden manchmal getönt, andere cremen den Körper mit rötlicher Butter ein (wie die Himba Namibias), wieder andere malen sich mit weißer Farbe Ornamente auf einzelne Körperteile.

Unser Ziel war der Donnerstagsmarkt von Key Afer, wo mehrere Volksgruppen einander zum Warenaustausch treffen. Dieser Dorfmarkt sprengte unsere Vorstellungen. Wir durften uns unbehelligt bewegen und frei fotografieren. Was wir hier erlebten, hätten wir zuvor als “seit mindestens 50, 60 Jahren nicht mehr existent in Afrika” vermutet.
 

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Wir hielten uns insgesamt fünf Tage in diesem Gebiet auf. Unsere Reisefreiheit wurde durch den vielen Regen stark eingeschränkt. Aber wir haben auf dem Rückweg das besondere Glück gehabt, in der Nähe von Key Afer einer Hochzeitsfeier der Bena beiwohnen zu dürfen. Diese Nachmittagsstunden bleiben unvergesslich, ich zähle sie zu meinen persönlichen Sternstunden im Leben.

ÄthiopienAngefüllt mit so vielen Eindrücken und Erlebnissen verließen wir Äthiopien mit echtem Abschiedsschmerz. Eins ist klar – wir wollen unbedingt wieder hin! Für die Fahrt vom kenianischen wüstenhaften Norden bis zum Flughafen Mombasa am Indischen Ozean blieben uns nur sieben Tage. Wir hatten Kenia schon mehrfach bereist und mit der Hündin Kimba keine Chance, Naturparks zu besuchen, daher stand nicht mehr viel auf unserem Programm. Die Strapazen der letzten Wochen zeigten sich anhand einer hartnäckigen Bronchitis, die unseren Freunden Marc und Sonja tagelang zusetzte. Auf Höhe des Samburu Nationalparks bekam dann als Dritter auch noch Manfred Fieber. Bei ihm zeigte sich aber rasch, dass es sich um eine neue Malariainfektion handelte. Nach einem halben Tag 40 Grad Fieber. Jetzt also drei Fieberkranke in the middle of nowhere... Marc und ich rauschten durch bis Isiolo und erreichten das Provinzkrankenhaus bei Einbruch der Dunkelheit. Die Malaria tropica war schnell diagnostiziert und Manfred im “Amenity Ward”, dem Privatpatiententrakt, im Einzelzimmer am Dextrose-Tropf angeschlossen. Das Malariamedikament musste Marc erst beim Apotheker in der Stadt besorgen. Dann folgte eine mehr oder weniger durchwachte Nacht am Krankenbett, das Fieber ging rauf und runter, mit Schüttelfrost und Schwitzen. Wer je eine Malaria ausgestanden hat, kennt das Spiel. Die ärztliche Versorgung war beispielhaft und unglaublich liebenswürdig. Vor lauter Sorge um den Patienten kam praktisch alle 15 Minuten irgend jemand zur Tür herein. Am nächsten Morgen fühlte sich Manfred bereits viel besser. Ich versorgte ihn mit Tee und Lebensmitteln, weil er das Porridge der Krankenhausküche verweigerte. Das löste aber Bestürzung beim Personal aus, und in Kürze kamen der Nahrungsmittelbeauftragte und der Chef-Administrator der Klinik, um den Patienten zur Nahrungsaufnahme zu bewegen. Erst als ich alles aufzählte, was Manfred aus unserer Bordküche zu sich genommen hat, ließen sie sich beruhigen. Als Manfred nachmittags entlassen wurde, ergab die Abrechnung nur 400 Sh. Kosten. Nicht einmal 6 Euro für einen Tag auf der Privatstation, zweimal Dextrose-Tropf, Antibiotika, Schmerz- und Fiebermittel, Laboruntersuchung... Wir haben uns für die herzliche Versorgung im Provinzkrankenhaus von Isiolo mit einer kräftigen Spende bedankt. Im Übrigen schien die ganze Kleinstadt über uns informiert, denn als wir am nächsten Tag weiterfuhren, riefen mir die Marktfrauen am Straßenrand zu: “Madam, is your husband fine now?”. Ein Malariapatient, zwei Bronchitiskranke und ich nach dieser Nacht ohne Schlaf – wir gönnten uns jetzt erst mal zwei Nächte in einem wunderschönen Cottage einer Lodge am Mount Kenya. In frischen 2000 Metern Höhe am Äquator, mit richtigen Betten, heißer Badewanne und knisterndem Kamin. Nach diesen beiden Tagen waren wir alle wieder hergestellt.

Danach kam auch nicht mehr viel außer Fahrerei. Erst nach Nairobi, dann weiter nach Voi zur letzten Nacht auf einer Safarilodge. Und schon standen wir im schwülen Regenzeit-Nieselwetter am Flughafen von Mombasa und schraubten die Hundetransportkiste zusammen. Hier nahmen wir Abschied von unseren Männern, die mit den Autos allein weiter nach Lusaka in Sambia fuhren. Wir hatten der Hunde wegen den getrennten Heimflug für uns Frauen gewählt, denn LTU bringt seine Kenia-Urlauber in nur siebeneinhalb Stunden direkt nach München. Von Lusaka dauert der Heimflug über London ungleich länger.

Fazit dieser ungewöhnlichen Autoüberführung:
Eine phantastische, hoch interessante Route.

Danke an das tolle Reiseteam!
Rendille in Kenia

 

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